über die große Dreiheit des Korintherbriefes nachsinnen. ,, Nun aber bleibet Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei. Aber die Liebe ist die größte unter ihnen!"
Sei stille, mein Herz! ,, Die Liebe höret nimmer auf, so doch die Weissagungen aufhören werden, und die Sprachen aufhören werden
Die Weissagungen des Hitler- Reiches verhallen schon im Sturm der Wahrheit, und seine Sprache der Gewalt ist nur noch klingende Schelle.
Halte still, du kleine, kühne Frau! Die Liebe höret nimmer auf. Sie bedarf nicht des goldnen Reifs, sie ist ewig auch ohne Symbol. ,, Wir sehen jetzt durch einen Spiegel in einem dunklen Wort, dann aber von Angesicht zu Angesicht..." Ja, es ist doch manchmal gut, wenn man als unwissendes Kind diesen Korintherbrief auswendig lernte.
Um der Liebe von Angesicht zu Angesicht auch in der Dunkelheit zu dienen, schlürfe ich die Schläge und Nachschläge der Suppengewässer. Aber bald will mir scheinen, als würde dies bräunliche und grünliche Naß in der Schüssel immer mehr statt weniger. Alle Gier ist dahin, es schmeckt jetzt widerlich. Mein Erhaltungstrieb macht wilde Bemühungen. Hinunter mit dem Zeug! Nur noch zehn Löffel, dann ist es geschafft. Aber vorher quillt mir schon das grüne Mittagswasser durch die Nase.
Die Wanzen und Läuse haben sich mit den tückischen Saboteuren meines Kreislaufs verbündet. In halber Ohnmacht besitze ich leider noch soviel Halbbewußtsein, daß ich die hundert kleinen Bisse spüre und mir die Körperhaut zerkratze. Nun brennen die blutigen Streifen. ,, Die paar Wanzen und andern Bienen fressen noch lange keinen auf", versichert der Grünrock mit der Ohrfeigen- Visage dieser Autorität.
In bitterster Stunde, während der Schmerz in meinen Gelenken splittert und ich kaum die Schenkel rühren kann, kommt mich meine alte Mutter besuchen. Da sitzt sie weiß und gebeugt. Ich reiße mich zusammen, sie soll nichts merken. Gewiß, ich verbeiße das Stechen, aber ich sehe und erlebe sie nur wie durch einen wallenden Schleier.
Sie weint, in mir ist alles zerstört, ich weiß nicht, was ich sagen soll, aber ich fürchte, daß ich gleich etwas Törichtes machen werde.
,, Ach Gott , du hast schon den scheuen Blick von der Seite, den ich von entlassenen Häftlingen kenne, die an der Tür um
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