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Kampf um den Kopf : meine Erlebnisse als Gefangener des Volksgerichtshofes 1943 - 1945 / Gerhard Schultze-Pfaelzer
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unseres Herrn Adolf Schicklgruber , genannt Hitler , auf schizo­phrenes Irresein, auf sprunghafte Wahnverwirrung plädieren. Denn Sie finden bei Hitler immer wieder impulsive Verkehrt­heiten trotz eines guten Gedächtnisses. Sie können immer deutlicher beobachten, wie seine Persönlichkeit zerfällt, wie sie im Denken, Fühlen und Handeln schizoid auseinanderbricht, wie ja auch die Deutschen sich immer wieder aufspalten."

,, Aber ich bitte Sie um alles in der Welt, sind Sie Politiker oder Irrenarzt?" ruft der Anwalt hilflos. ,, Deutschland ist doch schließlich kein Irrenhaus!"

,, Es ist ein Irrenhaus", entgegne ich mit Bestimmtheit. ,, Sie merken das nur nicht mehr, weil Sie im Prinzip bereitwillig mitspielen und nur bei kleinen, persönlich erlebten Einzelheiten mit Vernunftkritik zu meckern wagen. Aber das geht nicht nur Ihnen so. Jede Massenpsychose vernichtet allmählich das normale Urteil."

Jetzt will er die große deutsche Psychose mit ahnungslosen Einwänden verteidigen. ,, Aber Sie werden doch nicht im Ernst behaupten wollen, daß alle unsre heutigen Führer verrückte Narren sind. Es gibt doch da auch nüchterne Männer, reine Zahlenmenschen, Wirtschaftler, Finanzgrößen, klare, sachliche Köpfe, etwa den markanten Reichswirtschaftsminister und Reichsbankpräsidenten."

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,, Herr Funk als nüchterner Mann! Verzeihen Sie, das kommt mir geradezu besoffen vor. Also bleiben wir bei Funk. Wir sind zufällig nicht nur Landsleute, sondern er ist auch mein Conmulus, wir haben zusammen am Gymnasium in Insterburg Abitur gemacht, nachdem wir mindestens fünf Jahre lang die gleiche Schulbank gedrückt hatten. Unser Gymnasialdirektor warf ihn nur deshalb nicht aus der Anstalt, weil er als Har­moniumspieler bei den Morgenandachten unersetzlich war. Er war hochmusikalisch und auch von ungewöhnlicher Allgemein­begabung, die ihn alles spielend lernen ließ. Aber er neigte schon früh zu alkoholischen und erotischen Exzessen. Daß er sich manchmal fürchterlich betrank, das hätte man ihm im damaligen Ostpreußen nicht übel genommen. Als er aber eine bezechte, nackte Kellnerin auf dem Billard schwer verprügelt hatte, wäre ihm das beinahe an den Kragen gegangen. Dann studierten wir zusammen in Berlin , wir alten Insterburger wohnten größtenteils am Bahnhof Savignyplatz, wo es immer neue Sensationen um ,, Funkus" gab. Einmal warf er die Unter­kleider einer Freudendame aus dem vierten Stock auf die

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