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Kampf um den Kopf : meine Erlebnisse als Gefangener des Volksgerichtshofes 1943 - 1945 / Gerhard Schultze-Pfaelzer
Entstehung
Seite
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Dame Europa auf allen Landstraßen dieses Kontinents ausplünderte."

Mein Anwalt hält die Handflächen wie Schutzschilde über die Ohren gewölbt, als wolle er nichts mehr hören. ,, Das ist ja schauderhaft", stöhnt er. ,, Ich wünschte, das wäre alles nicht wahr. Seien Sie um Gotteswillen nur vorsichtig. Sie haben sich da schon wieder mindestens ein Todesurteil an den Hals geredet. Ich will ja nichts gehört haben."

Noch einmal wendet er sich mit einer zögernden Drehung mir zu. ,, Verzeihen Sie, aber ich komme davon nicht los. Ist Hitler wirklich ein Teppichfresser? Nach Ihren Erklärungen vor dem Volksgericht Aber wenn er wirklich Teppiche friẞt - mit Verlaub zu sagen, ja dann ist er doch verrückt ja, darüber könnte man selber wahnsinnig werden. Ich muß an Lombroso denken Sollte bei ihm Genie und Irrsinn-"

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,, Irrsinn auf jeden Fall", diagnostiziere ich. ,, Immerhin haben Millionen dem Größenwahn des Gröfaz zugejubelt."

,, Entschuldigen Sie, was hat denn schon wieder dieser Gröfaz zu bedeuten?"

,, Größter Feldherr aller Zeiten! So ließ er sich von Göring feiern, und im OKW behielt er diesen Ehrentitel in militärischer Abkürzung. Aber bleiben wir bei Hitlers echter psychischer Er­scheinung. Früher zeigte seine hemmungslose Rednergabe einen gewissen Anflug von Genialität. Sein rhétorisches Temperament war zwar reichlich ideenflüchtig, aber äußerst suggestiv. All­mählich wurden seine demagogischen Energien stumpfer und plumper, sie zeigten schon die ersten Spuren von Verblödung. Seine Wutanfälle, seine Zerstörungspathologie, vor allem das Kristallzerschmeißen und das Teppichfressen sind ohne Zweifel affektepileptisch, gehören also in das Gebiet der Schein­epilepsie auf hysterischer Grundlage. Ob Hitlers eigentliche Geisteskrankheit im übrigen Schizophrenie oder Paranoia ist, ob er an labilem oder fixem Wahn leidet, darüber kann man vielleicht verschiedener Meinung sein. Ich möchte mich eigent­lich für die erste Auffassung, für Spaltungspsychose mit wechselnden Wahnideen entscheiden. Aber die Diagnose auf Paranoia hat gewiß auch mancherlei für sich, denn im allge­meinen ist ja die formale Ordnung des Gedankengangs bei ihm erhalten, während sich zugleich das fixe Wahnsystem bei ihm einheitlich fortentwickelt. Auch seine Beeinträchtigungs- und Verfolgungsideen, zum Beispiel in der Judenfrage, wirken fix und paranoisch. Dennoch möchte ich bei einer Pathographie

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