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Kampf um den Kopf : meine Erlebnisse als Gefangener des Volksgerichtshofes 1943 - 1945 / Gerhard Schultze-Pfaelzer
Entstehung
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feudalen Husaren? Da will ein Herr aus der alten Gesellschaft im andern Lager Karriere machen, wie interessant. In meiner journalistischen Neugier befrage ich nach Schluß der Sitzung einen Legationsrat, der als wanderndes Personallexikon vom Protokoll der Wilhelmstraße bekannt war. Ach, Sie meinen den Ribbentrop', lacht der, ja, das ist der typische Abenteurer, wie er nur in solchen Katastrophenwochen möglich ist. Also Herr Ribbentrop ist gar kein Leutnant, er hat sich vor kurzem selbst dazu ernannt, nämlich als sein Schneider die prächtige Attila fertig hatte. Er ist im Kriege Vizewachtmeister der Reserve geworden, als Leutnant kam er nicht in Betracht, weil er früher einmal wegen Straßenraubs verurteilt war. Um die Strafe nicht abzusitzen, ging er nach Kanada und wurde dort Eisenbahn- Tramp. Jetzt möchte er via Erzberger Diplomat werden. Aber passen Sie auf, wenn Sie dem Ribbentrop draußen begegnen. Auf dem Mantel trägt er kein Leutnants­achselstück, sondern die rote Armbinde, da ist er gleichzeitig für die marxistische Straßenrevolution richtig angezogen.' Also, was sagen Sie zu diesem korrekten Knaben, Herr Rechts­anwalt? Aber warten Sie, die Geschichte ist noch nicht zu Ende: Etwa zehn Jahre später begegne ich Herrn Ribbentrop wieder, und zwar auf einer Gesellschaft in einem uradligen Hause Berlins . Da wird mir Herr Ribbentrop als Herr von Ribbentrop vorgestellt. Ich denke an den Husarenleutnant bei Erzberger mit der roten Armbinde und muß mich beherr­schen, um nicht loszulachen. Also inzwischen hat er sich selbst in den Adelsstand erhoben! Man erzählt mir, der Mann hat eine arme Tante gehabt, die besaß das Adelsprädikat und übertrug es gegen eine Rente durch Adoption auf ihn, aber die Rente ist der Ehrenmann schuldig geblieben. Ja, wahrhaftig, Herr Rechtsanwalt, er ist ein erstklassiger, korrekter Mann, der Herr von Ribbentrop! Und Ellenbogen hat er weiß Gott . Als Erzberger ermordet und bei den Linksern nichts mehr zu holen war, da stellte er sich wieder auf den Bedarf der feinen Leute um und wurde internationaler Reisender für eine Sektmarke. Ein Tausendsassa, nicht wahr? Ein Mann, wie geschaffen, um im Nazi- Zeitalter den Kontinent auf den Kopf zu stellen. Nun, ich sage Ihnen, seine Staatsverträge sind genau soviel wert wie sein Leutnantspatent und sein Adelsdiplom. Als Jüngling begann er seine Laufbahn mit Straßenraub, indem er einer alten Dame die Handtasche wegriß. Als Naziführer setzte er das Geschäft des Straßenräubers fort, indem er die alte

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