Druckschrift 
Kampf um den Kopf : meine Erlebnisse als Gefangener des Volksgerichtshofes 1943 - 1945 / Gerhard Schultze-Pfaelzer
Entstehung
Seite
38
Einzelbild herunterladen

Augen gerinnen und werden glasig, während sie den Rücken des Spaniers abtasten.

-

,, Tête kaputt- kaputt! C'est ça- kaputt. Fini, fini" erläutert der Todgeweihte.

,, Na, wird's bald", brummt der Beamte und packt den Sach­ sen , der im Stacheldraht der Gedanken steckt, wie ein Schlacht­tier am Genick.

Als wir allein sind, beginnt der Spanier wie ein gurgelnder Katarakt zu erzählen, er strudelt in der Erregung spanisch und französisch durcheinander, ich verstehe vieles nicht. Aber soviel erfasse ich doch: der Dolmetscher, den das Volksgericht dem Spanier stellte, war Portugiese und konnte nur wenig spanisch, und der Angeklagte verstand nur wenig portugiesisch. So erfuhren Gericht und Gerichteter nur teilweise, was sie sich zu sagen hatten.

Freisler entwickelte einen Film von den Vorgängen, der dem Spanier ganz neu gewesen war: Der Kahn, den die Spanier zur Flucht benutzt hatten, war von der deutschen Wehrmacht be­schlagnahmt gewesen. Sie hatten einen Lothringer zur Beteili­gung verführt, den man jetzt in eine deutsche Uniform gepreßt hatte. Und das war schlimm. Die andern Flücht­linge sind damals ,, auf der Flucht erschossen" worden. Hatten sich die Spanier mit der Waffe gewehrt? Der Präsi­dent nahm es an, er hat den berüchtigten nazistischen An­nahme- Paragraphen spielen lassen. Denn Freisler lechzte, nachdem wir drei ihm nach zweistündigem rednerischen Durch­einander aus dem Netz geschlüpft waren, nach einem sauber blitzenden Todesurteil.

Das alles höre ich in diesem spanisch- französischen Wasser­fall rauschen; man ist eben in solchen Situationen mit Hilfe übersinnlicher Horchmittel viel hellhöriger.

Immerhin empfehle ich ihm ein Gnadengesuch. ,, Demande de grâce?"

Er schüttelt das immer noch zurückgebogene Haupt in stolzer Starre. ,, Jamais, jamais, je suis un espagnol libre." Jetzt wölbt er auch die Brust, als wolle er sich der Schwäche einer Ver­suchung entgegenwerfen. Als freier Spanier will er unter keinen Umständen die Hilfe der faschistischen Franco- Botschaft in Berlin in Anspruch nehmen, über die er als spanischer Staats­angehöriger das Gnadengesuch zu richten hätte. Er ist ein Sohn der Freiheit und kein Franco- Knecht.

38

Auf dem Zellentisch liegen, in die Mütze gewickelt, des