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Kampf um den Kopf : meine Erlebnisse als Gefangener des Volksgerichtshofes 1943 - 1945 / Gerhard Schultze-Pfaelzer
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Bolschewisten gibt. Ich sage Ihnen aber: Rußland lebt, und

wenn Deutschland leben will, muß es mit den Russen recht bald einen ehrlichen Frieden schließen und alles wieder gutmachen.

‚Wir haben hier keinen politischen Rummelplatz, wehrt der Präsident in lustloser Ungeduld ab. ‚In Deutschland gibt es gottseidank überhaupt kein leeres Diskutieren mehr. Mich ekelt dies dumme Zeug. Ich kenne jetzt die Persönlichkeiten der Angeklagten zur Genüge. Alle drei sind störrische, an- maßende und niederträchtige Charaktere. Wir kommen jetzt zur Beweiserhebung.

Der Berichterstatter des Senats hat jetzt das Wort, es ist der Volksgerichtsrat mit dem Kugelbäuchlein. Kurzatmig beginnt er aus der Anklageschrift vorzulesen. Wir haben alle das Manu- skript mit den dreiundzwanzig eng beschriebenen Seiten vor uns liegen, quer über die erste Seite läuft der rote Stempel Geheime Reichssache'.

1». klage*) ich der fortgesetzten, teilweise gemeinschaftlich begangenen Vorbereitung eines hochverräterischen Unterneh- mens, der Feindbegünstigung und der Zersetzung der Wehr- kraft an. Die Angeschuldigten haben in Berlin in Erwartung einer Niederlage Deutschlands eine Verschwörung anzuzetteln versucht, welche die Beseitigung des nationalsozialistischen Regimes und die Auslieferung des Reiches an den Bolschewis- mus zum Ziele hatte, Sie haben auch zersetzende Gerüchte über angebliche deutsche Friedensbemühungen vorbereitet... Verbrechen nach$ 80 Abs. 2,$ 81,$ 85, Abs. 2 u. 3 Nr. 1 u. 3,$ 85, 87, 47, 73 StGB. in Verbindung mit$ 5 Abs. 1 Ne tu2 Abs. 3 KS.St.V.O."

Die Paragraphen klatschen und kleckern, der Kugelbäuchige gerät in muntres Schnaufen, als er sich in so zahlreichen Para- graphenpfützen wälzen kann.

Dann tischt er in zähem Eifer das Saftgulasch aus Mär- chen und einigen Krümeln Tatsachen auf, das die Gestapo schweißtriefend zusammengerührt und der Oberreichsanwalt noch einmal durchgekocht hat. Zum Schluß ist so viel Unsinn herausgekommen, daß mir die Sonderung von Wahrheit, Unfug und Problematik schon ganz aussichtslos erscheint.

» In diesem politischen Hintertreppen-Gewäsch steht beispiels- weise zu lesen, wir hätten behauptet, Himmler , der Reichs-

*) Wörtlich aus der RZ des Oberreichsanwalts vom 16. Mai 1944 entnommen, Aktenzeichen 9].

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