Druckschrift 
Kampf um den Kopf : meine Erlebnisse als Gefangener des Volksgerichtshofes 1943 - 1945 / Gerhard Schultze-Pfaelzer
Entstehung
Seite
30
Einzelbild herunterladen

,, Herr General", erwidert Freisler rechthaberisch ,,, es handelt sich um eine Frage über die Verwandtschaft. Solche Fragen gehören durchaus in die Vernehmung zur Person."

,, Herr Präsident", erwidert der General mit kaltem Wider­spruch ,,, nötigenfalls bitte ich darüber um Senatsbeschluß." Freislers Lippen verschwinden. Er überlegt. Man fühlt, er ist jenseits seiner Masken verletzt. Der große Komödiant hat plötzlich den Faden der Suggestion verloren.

Endlich faßt er sich. ,, Nein, so wichtig ist die Frage nicht." Nach diesem Rückzug rüstet er sich umständlich zu neuer Pose. ,, Wir kommen zur Vernehmung des dritten Angeklagten. Hm, Sie sind zuletzt vom Propagandaministerium ins Kittchen hinübergewechselt. Früher haben Sie mal wegen politischer Umtriebe in Brandenburg gesessen. Das war schon dreiund­dreißig, also sind Sie eigentlich zur Kategorie der politischen Berufsverbrecher zu rechnen. Geboren in Lettland , angeblich aus deutschem Blut. In Moskau studiert und seither wohl schon immer asiatisch vergiftet. Sie lächeln, mein Herr? Ihre grinsende ostbaltische Dickfelligkeit behagt uns gar nicht. Nein. Ihr Typus gefällt uns nicht. Sie sind nicht nur äußerlich ein mongoloider Mensch, auch Ihr Lebenslauf stempelt Sie zur Steppennatur. Was wollen Sie überhaupt?"

,, Um das deutsche Volk zu retten, wollte ich an der recht­zeitigen Zerstörung des Dritten Reiches mitarbeiten. Ich habe darüber schon bei der Gestapo kein Blatt vor den Mund ge­nommen." Er spricht beruhigend, rauher und tiefer. Durch seinen Baß ist eine neue, kräftig- gesunde Klangfarbe in die Debatte gekommen.

,, Unser Reich ist das Reich der Deutschen, und wer gegen seinen Führer ist, der ist ein Verräter an diesem Volk", ant­wortet Freisler geschwollen. ,, Im übrigen traue ich Ihnen auch jeden Verrat an diesem oder jenem Rußland zu."

,, Daß Sie mir alles Böse zutrauen, ist selbstverständlich", sagt Klaus mit breiter, gutmütiger Unhöflichkeit. ,, Vielleicht interessiert sich aber jemand für folgende Tatsache: Als ich 1917 freiwillig in das preußische Heer eintrat, knüpfte ich daran die Bedingung, daß ich niemals gegen das russische Volk, zwischen dem ich aufgewachsen war, zu kämpfen brauchte. Ich könnte niemals ein Feind der Russen sein, daran habe ich fest­gehalten. Europa wird keine Ruhe haben, ehe nicht Deutsche und Russen Freundschaft halten. Aber Sie sind wohl auch der Ansicht Rosenbergs, daß es zur Zeit keine Russen, sondern nur

30