nicht gewußt, daß die Lohmüllers Juden wären, wir hätten sie für westdeutsche Bombenflüchtlinge gehalten. Ich bin der Meinung, daß wir zu einer solchen Verteidigung durchaus berechtigt waren. Ihre nationalsozialistische Anschauung lehrt den Angriff auf der ganzen Linie. Warum sollte ich mich nicht auf der ganzen Linie verteidigen!"
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Wissen Sie, was Sie fordern?", ruft Freisler pathetisch und zieht zwei Finger aus dem Purpurbusen ,,, Sie fordern Erlaubnis zum Ungehorsam, Freiheit zur Sabotage, Prämie auf Betrug. So wahr mir Gott helfe; entweder werden wir Sie zu Boden zwingen oder wir werden untergehen. Aber ehe wir Sie vernichten, sollen Sie sich noch einmal im Spiegel erkennen." Er verfinstert noch einmal die schneidenden Züge. Dann fährt er fort: ,, Ein paar Tage nach der Festnahme der Ehefrau geht bei dem Angeklagten in Frohnau ein Brief des Juden Lohmüller pardon Bendix ein; darin bittet er tausendmal um Verzeihung, weil das jüdische Ehepaar die ahnungslose Familie Schultze- Pfaelzer getäuscht hätte. Gestehen Sie, dieser Brief war fingiert."
,, Selbstverständlich war der Brief fingiert", erkläre ich bereitwillig. ,, Wir haben den Brief gemeinsam entworfen, er sollte der Gestapo in die Hände fallen und die Freilassung meiner Frau bewirken. Und die Sache hat schließlich auch geklappt."
,, Schämen Sie sich denn gar nicht", schrillt Freisler in scheinmoralischer Entrüstung. ,, Sie gestehen das geradezu mit snobistischem Behagen. Wo haben Sie sich denn mit dem flüchtigen Juden heimlich getroffen?"
,, Gott , wo man sich so trifft. In irgendeiner kleinen Weinstube."
,, Das sieht Ihnen ähnlich. Während die eine Frau vergiftet im Leichenhaus liegt und die andere im Gefängnis schmachtet, veranstalten die beiden Ehemänner ein Saufgelage!"
Jetzt reißen dem Oberreichsanwalt wieder die Nervenstränge. Und da er sich gegen Freislers Theaterdonner nicht wehren kann, entlädt er seinen Unmut auf mich. ,, Angeklagter, Sie haben das Vertrauen der Polizeiorgane in der schnödesten Weise mißbraucht. Da hilft Ihnen kein Verteidigungsmanöver."
Freisler wirft dem Oberreichsanwalt ein paar scheele Blicke zu. Was mischt der sich ein, wenn er, der Chef höchstselbst, die Sache führt. Freisler kann das jedenfalls noch besser, darum ruft er: ,, Angeklagter, jetzt fehlte nur noch, daß Sie behaupten, die böse Polizei habe den edlen Juden in den Tod getrieben."
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