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Kampf um den Kopf : meine Erlebnisse als Gefangener des Volksgerichtshofes 1943 - 1945 / Gerhard Schultze-Pfaelzer
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wir seit fast zwanzig Jahren familiär verkehrten. Im Laufe der Judenverfolgung wurde sein Geschäft geschlossen und sein ganzer Kunstbesitz geraubt.

Was unterstehen Sie sich, ruft Freisler dazwischen.Sie wissen gut genug, daß die jüdischen Schiebervermögen nicht geraubt, sondern in die schaffenden Hände der Nation zurück- geführt wurden.

Er ist nicht böse, er protestiert nur in schulmeisterlicher Ge- wöhnung.Sie haben natürlich der jüdischen Mischpoche Vor- schub geleistet, flicht er ein.

Wir wünschten unsern alten Freunden im Unglück zu helfen. Sie wollten sich aber so lange wie möglich aus eigener Kraft über Wasser halten. Da beide musikalisch hochtalentiert waren, versuchte sie sich als Saxophonbläserin, er sich als Musikal- Clown. Das waren nämlich eine Zeitlang noch die letzten kulturellen Arbeitsmöglichkeiten für Juden. Als ihnen das auch gesperrt wurde, hat er sich als Transportarbeiter mit Zement- säcken und Maschinenteilen abgeschunden.

Verschonen Sie uns mit Ihrem sentimentalen Geschmuse. Seine Schultern zucken verächtlich.

Um der drohenden Liquidation zu entgehen, ließen die bei- den schließlich ihre Wohnung im Stich und suchten Unter- schlupf. Wir besorgten ihnen ein Quartier in unserer Nähe und nahmen sie dann der Einfachheit halber in unserem Hause auf.

Damit haben Sie eben ein schweres Verbrechen eingestan- den, unterbricht er.Angeklagter, hier wird genau proto- kolliert. Wählen Sie gefälligst angemessene Ausdrücke. Von Liquidation zu sprechen, ist bolschewistische Manier.

Herr Präsident, wie soll ich mich ausdrücken. Die Gestapo liebt es neuerdings, von ‚ausradieren zu reden, ist ‚ausradie- ren erlaubt? 2

Freisler sticht nach mir mit dem kleinen Finger. ‚Sie sind ein gerissener Patron. Als Schriftsteller waren Sie nie um Worte verlegen. Warum wir den Abschaum der menschlichen Gesellschaft vertilgen, weiß heute jedes Kind. Aber Sie und Ihre Frau sind durch und durch verlogen. Sie sollen gleich den Beweis haben. Ich werde jetzt selbst ein Stückchen weiter- erzählen. Schließlich hatte die Polizei die Spur der beiden Flüchtigen gefunden und kam in Ihre Villa, um die jüdischen Herumtreiber festzunehmen. Sie saßen gerade alle vier beim üppigen Frühstück, obwohl die Juden keine Lebensmittelkarten

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