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Kampf um den Kopf : meine Erlebnisse als Gefangener des Volksgerichtshofes 1943 - 1945 / Gerhard Schultze-Pfaelzer
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Stimmt's?" fragt er, weil sie ihn gar nicht beachtet. ,, Stimmt das?", wiederholt er höhnischer.

,, Ich nehme an, daß bei Ihnen immer alles stimmt", sagt sie mokant und ungebrochen trotz ihrer neun Monate Haft.

Freisler entfaltet schon die Lippen zu einem Donnerwetter, besinnt sich dann aber auf eine andere Sache und schießt einen dünnen Giftpfeil: ,, Eine Potsdamer Freundin und Standes­genossin von Ihnen mußte vor einigen Jahren als Verräterin hingerichtet werden? Stimmt das auch?" Er lächelt mit süßem Zynismus.

,, Ich zweifle nicht, daß Ihnen alles Sensationelle zugetragen wird." Sie spricht, als wolle sie sich kilometerweit von ihm entfernt halten. Die verteidigende Rechtsanwältin senkt ihr spitzes Kinn, sie hält jetzt wohl alles für verloren.

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Aber Freisler nimmt jetzt nicht übel. ,, Wenn Sie dies und jenes aus Ihrem Leben vergessen haben sollten, wir wollen Ihrem Gedächtnis gern nachhelfen. Im Augenblick begnügen wir uns damit, ein besonders dunkles Pünktchen zu beleuchten. Die Sache spielt erst ein halbes Jahr vor Ihrer Verhaftung, da werden Sie sich des Falls noch gut entsinnen. Ange­klagte, kennen Sie einen Herrn Bendix? Er war natürlich Jude was sollte er sonst sein! Diesen Juden also, der sich als Musikal- Clown bezeichnete, haben Sie in Ihrer Villa versteckt. Später hat er sich unter mysteriösen Umständen im Grunewald erhängt. Nun, stimmt das? Sie schweigen. Es stimmt, ich habe die Polizeiberichte darüber zu den Akten über Ihr Vorleben genommen. Ja, so war die preußische Gräfin schließ­lich auf den jüdischen Musikal- Clown gekommen."

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Diese Zuspitzung des traurigen Falles Bendix auf eine tolle Kolportage ist mir denn doch zu schmutzig. Ich mische mich ein. ,, Herr Präsident! Da möchte ich Ihnen doch lieber die Angelegenheit Bendix zusammenhängend erzählen."

,, Möchten Sie", grinst Freisler selbstgefällig. ,, Wie nett von Ihnen. Vor der Gestapo spielten Sie wieder mal den Ahnungs­losen. Eigentlich gehört die Sache Bendix nicht zu unserem Prozeß, aber sie ist so bezeichnend für das saubere Ehepaar, das wir Ihr Geständnis hören wollen."

,, Gut, meine Herren." Gelassen beginne ich zu erzählen. ,, Das unglückliche jüdische Paar ist tot, und wir sind schwerer Dinge beschuldigt. Damals hatte ich keine Veranlassung, die Gestapo auf die richtige Fährte zu setzen. Also: Herr Bruno Bendix war ein angesehener Berliner Kunsthändler, mit dem

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