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Durch die tiefe Stille flattert ein Blättchen Papier mit verschämtem Flügelschlag zur Erde. Alles lauscht in den Seltenheitswert der Sekunde.
Auch Freisler wartet, indem er das Gefunkel des Solitärs ein wenig spielen läßt. ,, Gewiß, Herr General, gewiß!" Er schickt ein spitzes Lächeln zu dem Vertreter der Wehrmacht hinüber. Hinter dieser suffisanten Verbindlichkeit lese ich als seine Herzensmeinung: Diese Offizierskamarilla vom Oberkommando aus der Bendlerstraße werden wir auch noch eines Tages kleinkriegen. Die Herrschaften sind schon verdächtig genug!
Aber nun setzt er sich in präsidiale Positur und spricht in dozierendem Tonfall: ,, Für das Gericht und besonders für mich sind Akten nur Rohmaterial, das wir zum lebenden Tatbestand umprägen müssen. Wir haben es hier natürlich nicht mit militärischen Dingen zu tun. Es handelt sich vielmehr um die schwersten Verbrechen gegen Volk und Staat. Hochverrat galt in der republikanischen Systemzeit als eine Art Kavaliersverbrechen, in dem sich besonders gern die sogenannte alte gute Gesellschaft gefiel. Auch die drei Angeklagten gehören in diese Kreise. Sie sind schillernde Sumpfpflanzen des Untergangs! Ich sage Ihnen aber: es gibt keine Kavaliersverbrechen mehr! Politik ist deutscher Gottesdienst! Hochverräter sind um nichts besser als Raubmörder, im Gegenteil, sie sind schlimmer, sie morden nicht den Einzelmenschen, sondern versuchen den Massenmord an der Nation."
Seine faschistischen Satzscharniere klappern in meinen Ohren wie ein Panzer auf Kopfpflaster. Auf der Walstatt der Redeschlacht liegen die ledernen Satzleichen herum. Mich durchschauert die heilige Unschärfe seiner Dialektik.
In satter Herausforderung beugt sich Freisler zu dem General herüber, aber der nimmt davon keine Notiz. Doch ist der Herr Oberreichsanwalt nervös geworden, er stochert sich sogar mit dem Bleistift in den Haaren. Man liest aus seiner Mimik: Ja, es ist eine Plage mit diesem Freisler! Nun nimmt er mir bei den Personalien schon das Kernstück meiner Anklagerede weg.
Meine Frau kommt an die Reihe: ,, Marie Schultze- Pfaelzer, stammt aus einer gräflichen Linie der Familie Kleist, geboren 30. August 1897 zu Schloß Tschernowitz, Kreis Guben. Aufgewachsen in Potsdam , wo der Vater als Gardeoffizier in Garnison stand. War im Weltkrieg Johanniterschwester.
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