Druckschrift 
Kampf um den Kopf : meine Erlebnisse als Gefangener des Volksgerichtshofes 1943 - 1945 / Gerhard Schultze-Pfaelzer
Entstehung
Seite
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,, Ha, ausgezeichnet", schrillt Freisler dazwischen ,,, Sie ent­larven sich selbst. Sie trieben schon damals Sabotage am nationalsozialistischen Staat!- Aber verfolgen wir Ihr Leben weiter. Jahrelang führten Sie dann ein lichtscheues Dasein, natürlich ohne rechte Arbeit als schriftstellernder Bohèmien.

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,, Halt Verzeihung, Herr Präsident", keuche ich dazwischen. ..Warum lichtscheu? Ich habe in den fünf Jahren von Hinden­burgs Tode bis zum Kriegsausbruch sechs Bücher unter meinem Namen veröffentlicht, viel mehr, als mir lieb war. Ich hätte lieber geschwiegen. Mein Name mußte sogar einiges decken, was ich nicht billigte. Ich schleppte meinen Namen wie eine Last. Man besudelte mich in allen Gossen des Büchermarkts. Aber ich flüchtete niemals in die Anonymität. Ich war viel­leicht sehr unvorsichtig, aber niemals feige. Jedenfalls war ich alles andere eher als lichtscheu."

Warten Sie nur", erwidert Freisler in selbstherrlichem Hohn ,,, ich werde Ihnen Ihre Charakterlosigkeit sofort be­weisen. Bei Ausbruch des Krieges, als das deutsche Volk die höchsten Opfer für seine Freiheit und Größe auf sich nimmt- was tun Sie da, Sie angeln nach dem guten Posten! Sie schlei­chen sich ins Oberkommando der Wehrmacht ein. Und was treiben Sie dort? Sie treiben erbärmliche Zersetzungsarbeit, bis Ihnen der Herr Reichsminister Goebbels auf die Schliche kommt und Sie dann natürlich sofort hinauswerfen läßt."

,, Herr Präsident, eine Bemerkung zu den Personalien des Angeklagten", läßt sich eine rostige Stimme an der rechten Seite des Richtertisches vernehmen. Es ist der General.

Freisler stutzt ein paar Sekunden, solch eine Einmischung in seine Alleinherrschaft kommt nur ausnahmsweise bei Neu­lingen unter den Laienrichtern vor. Er verschluckt seine Zu­stimmung.

Da spricht der General schon mit unpersönlicher Kälte. ,, Ich habe die militärische Vergangenheit des Herrn Angeklagten geprüft. Er wurde laut Mobilmachungsplan durch Kriegsbeorde­rung vom 20. August 1939 ins Oberkommando der Wehrmacht berufen. Den Akten zufolge war sein Verhalten dort korrekt. Er ist dann von uns auf besonderen Wunsch der höchsten zivilen Stellen ohne Beanstandungen unsererseits verabschiedet worden."

Mißmutig setzt der General die Hornbrille ab, die er zur Ein­sicht in seine Aktennotizen benutzt hatte, und starrt befehls­haberisch in den sonnigen Staub.

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