Druckschrift 
Kampf um den Kopf : meine Erlebnisse als Gefangener des Volksgerichtshofes 1943 - 1945 / Gerhard Schultze-Pfaelzer
Entstehung
Seite
16
Einzelbild herunterladen
  

des Juristen. Wollte zuerst in der Sowjetunion als betrieb­samer Gernegroß sein Glück machen, wurde dort aber bald als Freibeuter ausgeschifft. Versuchte sich dann in Skandalen einen Namen als Rechtsanwalt zu schaffen und badete seine schmie­rige Seele in den Gossen der Zeit. In der ,, Kampfzeit" der NSDAP wurde er Nazi- Advokat, gefürchtet als eine Goebbels­Revolverschnauze im Kleinkaliber fürs Amtsgericht.

Sein Anwaltsbüro wurde bald der Herd für die brenzligen Gründergeschäfte des nationalsozialistischen Juristenbundes. Schweigegelder ließen den Schornstein rauchen. Schließlich explodierte der Brandherd unter mysteriösen Umständen. Sein saubres Brüderchen, das die Erpressungen besorgte, ging dabei hoch. indem es angeblich Selbstmord verübte. In Wahrheit wurde er von Parteikreisen beseitigt, weil er über gewisse Per­sonen zu viel wußte. So fing die Sache richtig an.

Als sich der Brandgestank des Skandals verzogen hatte, stieg Roland Freisler als Phönix aus dem Aschenschmutz, wurde bei der ,, Machtübernahme" Staatssekretär und begann mit der ,, großen Justizreform", das heißt mit der Ausrottung aller Rechtssitten. Schließlich konnte man keinen Würdigeren fin­den, als das Amt des höchsten deutschen Strafrichters, des Chefpräsidenten des Volksgerichtshofes, zu besetzen war. Der ,, rasende Roland" diesen Beinamen hatte er sich längst mit Recht beim Volk erworben fand endlich die Tribüne, wo er seine mimischen Instinkte als Blutdogge austoben konnte.

-

-

Also da steht er, da steht der ,, rasende Roland". Ecce triumphator! Soeben hat er sich in der Tür den Purpurmantel um die gespitzten Schultern gelegt.

Er tut, als fröstle es ihn ein wenig, als müsse er Abscheu verbergen, als koste es ihn Überwindung, den Gerichtssaal zu betreten. Wie er die lange, schmale Hand aus der roten Robe zieht, das ist eine fast unnachahmlich graziös- verächtliche Be­wegung. Nun streift ein verlorener Sonnenstrahl den diaman­tenen Solitär an seinem Finger, er sieht einen Augenblick mit erhabener Wehmut auf das Brillantfeuerwerk, um sogleich die saftigen Lippen zu verschließen, wie wenn er sagen wollte: es hilft alles nichts, auch das Gleisnerische verkommt in der Hölle. Satan, hülle dich ein!

Nein, noch rast er nicht, noch ist er ganz verhalten und probiert erst im stillen an sich herum. Noch ist sein Gesicht ganz leer, er wird erst später das hagere Gerüst seines Kopfes mit den Attributen dieser und jener Leidenschaft behängen.

16