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Wanzen spazieren liefen. Ach, alle vom Fluch dieser Zeit verworfenen Wesen wollen mir ihre Schattengeschichte erzählen. Die Luft in unseren Reiseboxen wird dick wie Syrup und süßlich wie Gas.
Aber da sind wir schon in der ehemals so hochmütigen, jetzt aber ziemlich abgerupften Bellevuestraße. Hundert Schritte vor uns kreischt der kranke Verkehr um den alten Potsdamer Platz .
Wir halten in einer schmalen Einfahrt abseits vom Getriebe der Weltstadt. Es ist noch immer früh am Tage, in den Bäumen zwitschern die Vögel so unbekümmert, als ob in Deutschland noch die Naturgesetze gültig wären.
Gestapo - Beamte nehmen uns mit schnöslicher Gewandtheit in Empfang. Jovialer Umgang mit Todeskandidaten liegt ihnen sehr. Was, ich soll schon wieder gefesselt werden? Der Beamte lächelt lieblich: ,, Das sind prima Fesseln. Ganz leicht und bequem!" In der Tat, die Fesseln sind prima, ein Spielzeug aus federleichtem Aluminium, sie blinken wie Schmuckstücke.
Wie eine kleine schwarze Katze hat sich meine Frau herangeschlichen. ,, Meine Anwältin", tuschelt sie tröstend ,,, meint, es sei noch etwas Hoffnung."
Ich denke, du lieber Himmel, das ist ja zu nett, daß es hier auch Anwältinnen gibt. Im ganzen denke ich aber nur sehr oberflächlich, das Geschehen zieht nur wie ein Trickfilm schattenhaft an mir vorüber. Wo sind wir? Wo ist der Palast dieser Mordjustiz? Ach, der Hauptbau, den ich kannte, ist ausgebombt. Das Haus veränderte schon früher häufig seine politische und seine gemauerte Architektur, es war in der Republik zuerst Reichswirtschaftsrat, auch Verfassungsparlament der preußischen Landeskirche, ich habe da früher schon mit Arbeiterräten und Generalsuperintendenten diskutiert.
Und dann kam das Volksgericht. Im Jahre 1935 wurde hier unser Freund Herbert Blank , der ahnungsvolle Kenner der Hitlerei, zu vielen Jahren Zuchthaus verurteilt, weil er Otto Strasser einen illegalen Brief in die Emigration geschrieben hatte, in dem zu lesen stand, daß die Reichswehr die Entwicklung des Nationalsozialismus mit Mißtrauen betrachte.
Meine Frau und ich, wir saßen damals als Zaungäste einer teuflischen Generalprobe auf leerer Tribüne; der Senatspräsident rüffelte mich, weil ich dem Angeklagten zurief: ,, Kopf hoch, Herbert!"
,, Kopf ab!" wird es heute hier heißen. Kopf ab, Gerhard
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