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Macht nichts ich will jetzt guter Dinge sein, ich bin heute nicht gefesselt, ich kann die Arme recken, ich sage Ja zum Leben, ich fühle mich erhoben, als gelte es wirklich, eine Fahne zu ziehen, zu hissen. In meiner Flagge blühen die Rosen und alle Regenbogenfarben des Geistes. Ich ahne eine letzte Metamorphose.
Gewiß, ich soll heute zum Tode verurteilt werden. Aber zum Tode verurteilt, ist noch nicht hingerichtet. Und der Tod ist vielleicht nur das Tor zum ewigen Garten des Lebens, und das Fallbeil soll der Schlüssel sein.
Jedenfalls werde ich heute endlich wieder im hohen Bann der Gestirne stehen. Und ich darf so tun, als ob mein Schicksal in meinen Händen läge. Ich werde reden, ich werde der sein, der ich bin.
Wie herrlich, mit den Armen frei durch die Luft zu fahren, als hätte ich Flügel wie der Morgenwind. Jede innere Bewegung durch das Spiel der Hände unterstützen zu können, erhebt uns zu Propheten. Ohne Handschellen ist der Mensch ein gottähnliches Individuum.
Und dann soll ich heute auch wieder meiner lieben Frau ganz nahe sein. Zum letztenmal begegneten wir uns leibhaftig vor fast vier Monaten beim Untersuchungsrichter. Der wagte noch alter Kavalier zu sein und nannte sie ,, gnädigste Frau", er wollte sie bis zum Hauptverfahren aus der Haft entlassen, denn sie war schon zwanzig Winterwochen in dem Massenpferch am Alexanderplatz verschrumpft und eingefroren. Die Gestapo verschleppte sie aber nach Ravensbrück ins Lager, bis der rote Haftbefehl des Volksgerichtshofs da war. Ja, dieser Ermittlungsrichter besaß noch Bonhomie; er verlor sich in das Geständnis, vor fünfzehn Jahren als Student aus meinen Leitartikeln seine ersten politischen Vorurteile bezogen zu haben. Solche Scherzos haben wir heute nicht zu erwarten, denn wir kommen vor das Blutgericht der Diktatur.
Schadet nichts, ich bin heute für Leben und Lebenlassen. Ich schenke heute sogar den Wanzen an meiner Bettwand das Leben, unter denen ich sonst in der Morgenstunde ein fleckenreiches Blutbad anzurichten pflege. Dafür schäumt das Heil der Hygiene, ich wasche mich mit Genuß und Geräusch in meinem Blechnäpfchen, und ich würde mich auch ohne Spiegel tadellos frisieren, hätte man mich nicht neulich kahl wie einen Affenhintern geschoren.
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Also nun zum Hausvater, mögen heute die Kalfaktoren allein


