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Ich sah das Vernichtungslager / Konstantin Simonow
Entstehung
Seite
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hörte es, die im Lager eintreffenden Häftlinge auszuziehen, zu durch- suchen, ihnenihre Kleider abzunehmen, bevor sie in die Gaskammer geschickt wurden. Er nennt sich Lagerverwalter und sagt, daß er der SS-Abteilung irrtümlich in betrunkenem Zustand beigetreten sei. Er sagt, daß er sich zu den Häftlingen äußerst human benommen hat, und plärrt, wenn bei der Gegenüberstellung die Zeugen, die durch seine Hände gegangen waren, ihn daran erinnern, wie er auf der Suche nach Brillanten, die in der Zahnhöhle versteckt sein konnten, mit einer Schlosserzange den Leuten die Zähne herausgerissen und die Gold- kronen von den Zähnen gebrochen hat, die in den amtlichen Listen über die abgenommenen Gegenstände nicht geführt wurden und die er sich also aneignen konnte. Er schwört, daß er nichts weiter als Unter- offizier bei der SS war und die Menschen von dem SD, d. h. Gestapo , umgebracht wurden. Als er entlarvt wird, lügt er und vergießt so dicke Tränen, daß ihm ein naiver Mensch im ersten Augenblick glauben könnte.

Das über den Deutschen . Nun zu der Deutschen . Sie heißt Edith Schostek, ist einundzwanzig Jahre alt und stammt aus Mitteldeutsch- land. Sie kam vor zwei Jahren nach Lublin laut Gesetz, nach dem alle deutschen Mädchen, die neunzehn Jahre alt geworden sind, für den Staat arbeiten müssen. Sie kam für ein Jahr und blieb zwei Jahre. Sie mordete nicht und schlug die Frauen nicht mit der Peitsche vor die Brust. Sie war nur eine Stenotypistin beim deutschen Direktor des Lubliner Kraftwerks, und ihre Hände sind nicht mit Blut befleckt. Aber wie wir sie eingehend verhören, stellt sich eine Kleinigkeit heraus. Sie und ihre Schwester, die auch in Lublin arbeitete, erhielten als zusätz-. liche Entschädigung Kleidungsstücke aus jener Sammelstelle für die

- Hinterlassenschaft der Hingerichteten, die dem Leser schon bekannt ist. ‚Sie und ihre Schwester erhielten von dort Spitzen und Schuhe. Andere erhielten vielleicht Wäsche und Kleider. Wieder andere, die Kinder hatten, bekamen Kinderhemdchen und Schuhe der ermordeten Kinder.

So schließt sich die Kette, die ganz Deutschland umspannt. An einem Ende dieser Kette steht der Henker Theodor Schollen, der den Leuten die Goldzähne herausriß und sie in die Gaskammer stieß, am anderen Ende der Kette steht Edith Schostek, die lediglich für ihre Arbeit die Kleidungsstücke der Ermordeten erhielt. Sie stehen an ver- schiedenen Enden der Kette, aber es ist die gleiche Kette. Mehr oder minder werden sich alle verantworten müssen. Mögen sie einander nicht die Schuld in die Schuhe-schieben. Mögen sie ein für allemal begreifen: sie alle werden für ihre Taten einstehen müssen.