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Ich sah das Vernichtungslager / Konstantin Simonow
Entstehung
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und Asche gefüllt. Vor den Ofen liegen auf dem Platz vor den Feuer­öffnungen halbverkohlte Menschenskelette, die die Deutschen ver­brennen wollten und die nun durch die Feuersbrunst zerstört wurden. Vor drei Feueröffnungen liegen Männer- oder Frauenskelette, vor den beiden anderen liegen Skelette von Kindern im Alter von etwa zehn bis zwölf Jahren nach der Größe zu urteilen. Vor jedem Feuerloch liegen fünf bis sechs Skelette. Das entspricht ihrem Fassungsvermögen: in jeden Verbrennungsraum wurden sechs Leichen auf einmal gestopft. Wenn die sechste Leiche nicht Platz fand, schlug die Verbrennungs­mannschaft den nicht hineingehenden Körperteil die Hand oder das Bein oder den Kopf einfach ab und schloß darauf hermetisch die Ofentür.

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Im ganzen gibt es dort fünf Verbrennungsräume. Ihre Leistungs­fähigkeit war sehr groß. Das Krematorium war so berechnet, daß die Verbrennung der Leichen innerhalb von fünfundvierzig Minuten er­folgte. Doch allmählich lernten die Deutschen , den Verbrennungs­prozeß zu beschleunigen, und verdoppelten durch Erhöhung der Temperatur die Leistungsfähigkeit: die Dauer der Leichenverbrennung wurde von fünfundvierzig Minuten auf fünfundzwanzig Minuten und sogar auf weniger verkürzt. Sachverständige haben bereits diese Dinassteine untersucht und an ihrer Deformierung und Struktur­veränderung erkannt, daß die Temperatur hier über fünfzehnhundert Grad betrug. Als ergänzender Beweis dienen die guẞeisernen Schieber, die auch deformiert und geschmolzen sind. Nehmen wir als Durch­schnitt an, daß die Verbrennung jeder Partie Leichen eine halbe Stunde dauerte, und fügen wir hinzu, daß nach übereinstimmenden Aussagen der Schornstein des Krematoriums vom Herbst 1943 an ununterbrochen Tag und Nacht rauchte und das Krematorium wie ein Hochofen keine Minute stillstand, dann ergibt sich, daß ungefähr vierzehnhundert Leichen täglich verbrannt wurden.

Zum Bau des Krematoriums sahen sich die Deutschen besonders auch durch die Vorgänge bei dem Fall ,, Katyn" genötigt. Sie fürch­teten weitere Enthüllungen bei der Öffnung der Gruben mit den ver­scharrten Leichen der Ermordeten, und deshalb unternahmen sie auf dem Gelände des Lubliner Lagers vom Herbst 1943 an umfangreiche Ausgrabungen. Sie gruben aus den vielen umliegenden Gräben die halbvermoderten Leichen der Erschossenen aus und verbrannten sie im Krematorium, um die Spuren endgültig zu verwischen.

Die Asche und die verkohlten Knochen aus den Verbrennungs­räumen des Krematoriums wurden in dieselben Gräben geschüttet, aus denen die Leichen ausgegraben wurden. Einer dieser Gräben ist schon geöffnet worden. Man fand dort eine fast meterdicke Aschen­schicht.

Hinter dem Lager steht noch ein unvollendeter Block. Innerhalb des Stacheldrahts sind nur Ziegelfundamente zu sehen. Die Mauern sind noch nicht errichtet; nur eine Baracke ist fertiggebaut, aber nicht

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