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Ich sah das Vernichtungslager / Konstantin Simonow
Entstehung
Seite
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sich Frauen, von denen man wohl schwerlich einen Fluchtversuch er­warten konnte.

Wir gelangen zu einem andern Nebenblock. Er ist weniger sorg­fältig abgezäunt als die Wohnblocks. Daran ist übrigens nichts Er­staunliches, denn hierher kamen die Toten oder Halbtoten oder solche, die unter verstärkter Bewachung zur Tötung vorgesehen waren. Hier, hinter diesem Draht, lebte, mit Ausnahme der SS und der Leichen­verbrennungsmannschaft, niemand länger als eine Stunde. Mitten auf einem leeren Feld sehen wir einen hohen viereckigen Schornstein aus Steinen mit einem anschließenden langen, niedrigen rechteckigen Ziegelsteingebäude. Das ist das Krematorium. Es ist vollkommen er­halten geblieben.

Etwas weiter finden wir die Überreste eines großen Ziegelstein­baus. In den wenigen Stunden, die der Lagermannschaft zwischen der Nachricht vom Durchbruch der Front und der Ankunft unserer Truppen zur Verfügung standen, versuchte sie, die Spuren zu verwischen. Sie schaffte es nicht, das Krematorium in die Luft zu sprengen, aber das Nebengebäude setzte sie in Brand. Trotzdem legen die Spuren ein beredtes Zeugnis ab. Ein fürchterlicher Leichengestank erfüllt die Luft. Die Nebenräume des Krematoriums bestehen aus drei Haupt­kammern. Die eine Kammer ist vollgestopft mit halbverbrannten Klei­dungsstücken. Das sind die noch nicht weggebrachten Kleider der letzten Gefangenen, die hier ermordet wurden. Von der Kammer neben­an ist nur ein Teil der Wand übriggeblieben. In diese Wand sind mehrere Rohre kleineren Durchmessers eingelassen als die in der Gas­kammer, die wir schon gesehen haben. Das ist auch eine Gaskammer zur Vergiftung( bisher ist noch nicht aufgeklärt, ob mit Zyklon" oder mit einem anderen Gas). Wenn besonders viele ausgerottet werden sollten, konnte die Hauptgaskammer nicht alles bewältigen, und ein Teil der Menschen wurde hierhergeführt und unmittelbar neben dem Krematorium ,, vergast". Die dritte und geräumigste Kammer war offenbar für die Aufstapelung der Leichen bestimmt, die hier lagen, bis sie an die Reihe kamen, um verbrannt zu werden. Der ganze Boden ist mit halbverwesten Skeletten, Schädeln und Knochen bedeckt. Dies rührt nicht von einer planmäßigen Verbrennung her, sondern das ganze Gebäude wurde niedergebrannt: als die Deutschen die dritte Kammer anzündeten, verbrannten die dort aufgehäuften Leichen. Es sind ihrer - das ist schwer zu viele, vielleicht Dutzende, vielleicht Hunderte, sagen, denn diese Menge halbverwester Knochen mit Stücken halb­verbrannten Fleisches daran läßt sich nicht zählen.

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Jetzt sind es nur noch wenige Schritte zum eigentlichen Krema­feuerfesten torium. Es stellt ein großes Rechteck dar, gebaut aus Ziegeln, aus Dinassteinen. In diese Steinwand sind fünf große Feuer­öffnungen nebeneinander eingelassen mit hermetisch verschließbaren gußeisernen Ofentüren. Die runden Ofentüren stehen jetzt offen. Die tiefen Verbrennungsräume sind zur Hälfte mit verbrannten Knochen

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