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Frauen im Konzentrationslager Ravensbrück / Helmut Franz
Entstehung
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Ich hatte jedoch in meiner Eigenschaft als Betreuerin der Angora- Kaninchenzucht wiederholt Häftlingen geholfen, die dem Verhungern nahe waren. Trotz strengster Verbote verschaffte ich ihnen heimlich Nahrungsmittel. Das an die Stallungen angrenzende Lager für russische Kriegsgefangene gab mir die Möglichkeit, auch ihnen in ihrer verzweifelten Lage zu helfen. Eines Tages aber hatte dies alles ein Ende. Durch meine Mithilfe wurden ,, illegale" Brief­und Paketsendungen im Lager Ravensbrück vermittelt. Eines Tages fing die SS - Wachmannschaft einen der Briefe ab. Sie stellte mich deshalb zur Rede; aber ich leugnete. Später erfuhr ich dann, daß meine Eltern, die als Absender in Frage kamen, wegen dieses Vorfalles verhaftet worden waren. Mich selbst brachte man darauf fünf Monate in Bunkerhaft. Mir ist es heute noch ein Rätsel, wie ich diese schwere Zeit überwunden habe.

Zunächst hatte ich zehn Tage lang kein Licht, keine Decke, nichts zu essen und nichts zu trinken. Es war unerträglich! In meiner Zelle be­fand sich ein Wasserhahn, den man aber vorsorglich abge­sperrt hatte. Obgleich ich unentwegt hoffte, noch irgend­einen Tropfen Wasser zu bekommen, waren meine Be mühungen vergebens.

Nach diesen zehn qualvollen Tagen erhielt ich das erste Essen in die Zelle hineingeschoben, doch ohne Löffel. Das Hunger- und Durstgefühl nahm mir jede körperliche Widerstandskraft. Manchmal vermeinte ich das Balkenholz anbeißen zu müssen, denn es gab keine Menschenseele in diesen öden, immer feuchten Mauern, die sich meiner an­genommen hätte. Nach drei Wochen endlich bekam ich ganze 350 Gramm Brot und eine wässerige Suppe mit Kohl­rüben. Infolge der körperlichen Schwäche war ich jedoch unfähig, das Essen einzu­nehmen.

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