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Frauen im Konzentrationslager Ravensbrück / Helmut Franz
Entstehung
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Es sind die Handlungen wildgewordener Spießbürger, der Ausbruch ungezügelter Triebe.

Hier in den Gefangenenlagern rächte sich der kleine Mann für seine Erbärmlichkeit an wehr­losen Menschen. Hier konnte er den Herrn spielen, er, der zu feige war, für seine sozialen Interessen zu kämpfen gegen Unternehmerwillkür, gegen den Krieg und für den Frieden. Dieser kleine Bürger, dem man eingeredet hatte, daß er, der ,, nordische Mensch", die edelste Art Mensch sei und der Angehörige eines anderen Volkes mehr oder weniger minderwertig, dieser jämmerliche Wicht bekam den Größen­wahn und handelte danach.

Und gerade dem weiblichen Geschlecht gegenüber pustete er sich zu verhängnisvoller Größe auf. Die Frau war ja im Dritten Reich dazu verurteilt, bei den lebenswichtigen Fragen nicht mitreden zu dürfen. Das war Männersache.

Und nun wagten es trotzdem Frauen, Antifaschisten zu sein; sie wagten es, sich zu ihrem gesunden Instinkt zu bekennen. Die Folge war der Blutrausch der nazistischen Henkersknechte an den gefangenen Frauen aller Länder. Brutale Gewalt triumphierte über Menschlichkeit und Ritterlichkeit.

Was diese Frauen erduldet haben, läßt sich in Worten nur sehr mangelhaft ausdrücken, wenn man bedenkt, daß die Frau viel empfind­samer ist als der Mann und schon auf Eindrücke reagiert, an denen die Männer vorübergehen.

Und nur die Aufklärung über das erlittene Un­recht Hunderttausender Frauen und Mädchen kann dazu beitragen, daß wir wieder ein Kultur­volk werden.

Halle( Saale) , den 1. März 1946.

Helmut Franz

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