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Neun Jahre lebendig begraben : ein Tatsachenbericht aus der Hölle der Nazi-KZ / Wilhelm Zarniko
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Wir drängen nach draußen, sehen auf den Wachturm, auf dem gestern abend noch der SS-Posten stand. Jetzt steht dort ein Soldat in gelber Uniform. Es sei die Feuer- wehr, erzählt man. In der Ferne fallen Schüsse. Schreie ertönen. Jemand ruft: Panzer! Wirklich, ich sehe meh- rere Panzer langsam den Berg hinaufklettern. Dazwischen ein weißes Auto. Es steuert auf unser Lager zu, ein Soldat steigt aus, besteigt den Turm. Und dann bricht der Bann: Tausende Menschen jubeln, schreien, fallen sich um den Hals. Dann erklingt vom Turm die*Stimme jenes Soldaten. Mit angehaltenem Atem und spannenden Gesichtern schauen wir ihn an. Mit lauter Stimme sagt er:

Kameraden, wir sind gekommen, euch zu befreien.

Haltet Ruhe und Ordnung, in einer Stunde seid ihr frei. Dann besteigt er sein Auto und fährt davon. Inzwischen werfen vorbeifahrende Truppen Schokolade, Rauch- und Eßwaren ins Lager, Kostbarkeiten, die wir seit Jahren nur mehr dem Namen nach kennen. Und nach einer Stunde öffnet sich das T'or. Mehrere Autos fahren heran, darunter das weiße. Zivilisten, Männer und Frauen, stei- gen aus. Es sind, wie wir später erfahren, hohe Nazi- persönlichkeiten aus Linz . Stumm fahren sie an uns vor- bei und besichtigen das Lager. Kreideweiß sind ihre Ge- sichter, schuldbewußt ihre Mienen. Ich höre die Stimme eines Soldaten, anscheinend eines hohen amerikanischen Offiziers:Meine Damen und Herren! Lange Jahre bin ich Soldat, habe viel gesehen. Doch was meine Augen hier sehen mußten, hatte ich nie erwartet. Dann öffnet er uns das Tor mit den Worten: Ihr seid frei!

Es war der General Eisenhower.

der diese Worte zu uns sprach. Tausende stürzten sich auf das Tor, als hätten sie Angst, daß es noch wieder geschlossen werden könnte. Auch ich war unter ihnen, ich, der ich die Stunde der Freiheit neun Jahre lang herbeigesehnt hatte. Aber ich kam nicht weit. Die Auf-

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