Herrn. Ihre Liebe,"stärker als der Tod. Und doch Liebe, vom Tode beherrscht. Liebe, die nur mit einem toten Herrn rechnet. Liebe, die nur weiß, der Herr ist im Grabe!
Liebe, die eigentlich nur treue Dienerin des Todes ist. Kann unsere Liebe
_ von uns aus anderes als tote Liebe sein? Unser Leben ist von der Krippe bis zum Grabe ein fortwährendes Sterben. Wir können die Liebe loben als das Höchste und Schönste auf Erden,—freilich ist sie das— aber wie grausam ist die Entdeckung des dritten Tages: sie kommt zu spät. Sie kann nur da sein, um vom Tode gefressen zu werden. Das leere Grab gähnt ihr entgegen. Und des- halb steht Maria beim Grabe und weint.
Ach wir armen liebenden und hoffenden Menschen! Wir ergreifen den letz- ten Strohhalm, um nicht zu ertrinken. Was hoffte Maria noch, nachdem ihr Herr gestorben war! Sie möchte Ihm so gerne noch einmal ihre Liebe erweisen. In dieser Hoffnung eilt sie am frühen Morgen zum Grabe. Ihn noch einmal zu sehen, sich Ihm noch einmal ganz zu widmen. Hoffnung schafft Leben. Wie sie sich beeilt! Aber die Hoffnung Marias findet den Tod. Sie kommt zu spät! Das Grab ist leer. Die Hoffnung verflogen. So geht es unseren Hoffnungen. Die Menschen leben und hoffen. Selbt hier, mitten im Totenreich Dachau . Ist es wirklich Leben? Am Ostermorgen kommt die schreckliche Entlassung! Nein, unsere menschliche Hoffnung— auch diese erhabene, daß Jesus der Erlöser Israels sein würde— ist tot. Wir hoffen wie Maria vergebens.
Aber vielleicht kann der Glaube Leben schaffen, wo Liebe und Hoffnung den Tod finden... Maria hatte Glauben. Glauben an den Herrn. Sie hat ihr
- Los in seine Hände gestellt. Er, der sie vom Teufel rettete, verbürgt die Wirk- lichkeit ihres erlösten Lebens. Aber auch der Glaube kommt zu spät. Was nützt es Maria, daß sie weiß: der Herr hat mich gerettet, wenn der Herr selbst nicht mehr da ist?
Ihr Glaube kann nur Erinnerung sein. Erinnerung, die immer kraftlos wird, bis sie bleich und blutarm stirbt. Glaube, der nur Erinnerung ist! Wir können ihn schmücken mit großen Worten, aber am Ostermorgen wird er gerichtet. Mit diesem Glauben sind wir doch die elendsten unter allen Menschen. Und
Maria ist das Bild dieses tiefen Elends: Sie steht draußen beim leeren Grabe
und weint.
Ja, soll sie nicht weinen? Alles ist tot. Maria weint und will sich nicht trösten lassen, denn es est aus mit ihr. Maria hat den Herrn gesucht und den Tod gefunden. Die letzte Hülle ist weggerissen. Da liegt das nackte Leben mitten in dem Tod.„Mitten wir im Leben sind mit dem Tod umfangen.“ _Schrecklicher Ostermorgen! Ein für allemal steht fest: wir kommen zu spät.
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