Druckschrift 
Gott im Konzentrationslager / Kurt Walter
Seite
14
Einzelbild herunterladen

genommen, angenommen wird, wo der Mensch nichts, gar nichts anderes mehr ist, als der Mensch einfach in seiner Not, der ge­tretene Wurm, die in der Angst und Qual sich windende Kreatur, die nichts anderes mehr weiß als dies:., Mich dürstet!" und ,, Warum verlassen?"- in diese letzte Menschentiefe ist Christus, als er am Kreuze hing, für uns und mit uns hinabgestiegen, auf daß er unser Heiland würde und ,, ein treuer Hoherpriester vor Gott ". Und weil im Konzentrationslager diese Tiefe der Raum war, in welchem wir oft genug uns vorgefunden haben, darum haben wir, soweit wir Christo angehörten, auch die Gnade gekostet, Ihm zu begegnen und die Spur Gottes zu entdecken und ihr zu folgen. Denn Gottes Spur auf Erden war in Christo eine Blutspur. Und ist doch zugleich die Leuchtspur, die den Weg von der Erde zum Himmel weist.

So darf denn am Ende jener bösen Zeit der Dank stehen und das Lob Gottes. Nicht der Wunsch nach Vergeltung und das Gefühl der Rache. Allein Dank für tägliche Bewahrung und endliche Er­rettung- und für die heilsame Züchtigung Gottes. Denn das war es freilich: Züchtigung für unsere Sünde. Nicht so, daß Menschen Recht und Vollmacht gehabt hätten über unser Tun, das uns ins Lager gebracht hat, jene Züchtigung zu verhängen. Aber Gottes Züchtigung haben wir in dem, was uns auferlegt wurde, zu erkennen.

Die Kirche hat in unseren Tagen manchen Vorwurf zu hören, weil sie in dem Unheil, das über unser Volk gekommen ist, Gottes Gericht verkündet und das Volk zur Buẞe ruft. ,, Das ist eine harte Rede, wer kann sie hören!" Aber wenn nun einer, nein, gebe Gott , mancher, der seine Jahre im Konzentrationslager zugebracht hat und also kaum verdächtig ist, gerade die besonderen Sünden des Nationalsozialismus mitgetan zu haben, sich nun mit unter jenes Gericht Gottes stellt und bekennt, daß es auch seine Schwachheit, sein matter Glaube, sein trotz allem noch viel zu leises Reden, sein Zweifel und seine Menschenfurcht, seine Untreue gegen Gott und Menschen, daß es seine große Sünde war, über die Gott sein hartes

14