FLÜCHTLINGE
Und es beginnt.
Am Horizont des Ostens wird eine blutige Fahne aufgezogen. Eine Faust droht. Durch den Äther brüllt eine gurgelnde Stimme: ,, Vernichten! Vernichten! Vernichten!"- Aus tausend Kehlen schreit das Echo: ,, Ausrotten! Vertilgen! Zertreten!"
Also beginnt es.
Eine Bestie steht aus Deutschland auf und schreitet riesig Schritt für Schritt gen Osten, im Blick den Tod. Vor diesem Blick erzittert das Jahrtausendvolk und setzt sich in Bewegung. Beginnt die Wanderung, von der es keine Rückkehr gibt.
Wie Tiere vor den Jägern fliehen nun die Menschen. Es ist ein schweigendes Getriebenwerden. Ein Vorwärtsdrängen, Mensch an Mensch.
Ein paar nur recken ihre Arme. Was wollen sie? Aufhalten, zurückhalten, sprechen?
So aber, wie ein angeschwollener Strom nicht aufzuhalten ist, so strömt das Volk schräg vorwärts.
Nur einer blickt sich um. Ein Junger mit der Habe auf der Schulter. Will er sich stemmen gegen einen Schicksalsstrom? Sucht er den Blick der Alten hinter ihm, der Priester?
Doch vorwärts. Schnell, schnell, schnell. Es wachsen immer neue Mörder hinter den gekrümmten Rücken der Fliehenden. Sie kreisen wie Schakale , wie Wölfe um das Volk. Sie ziehen Stacheldrähte über die Ebene. Barackenstädte wachsen. Hämmer dröhnen.
Gibt es noch einen Ausweg irgendwo? Gibt es noch Erde, unschuldige, zum Ausruhen?
Nein, nein, nein! Die Proletarierin im Kopftuch, Heilige aus dem Volke, weiß es. Gesenkten Hauptes tritt sie zur letzten Wanderung an. Sie schließt die Augen. Auch die Alte hinter ihr schließt ihre Augen. Sie wandern einem Abgrund zu.
Nur einer schreitet aufrecht. Er hört nicht links. Er hört nicht rechts. Er trägt die Thora, das Gesetz. Er preßt es an sich.
Er wird es halten noch, wenn sie ihn in das Feuer stoßen.
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