EINLEITUNG
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Es hieẞe an dem menschlichen und politischen Kern der Zeichnungen Leah Grundigs vorbeireden, wollte man sich auf eine rein ästhetische und kunsthistorische Auseinandersetzung beschränken, um diesen Zeichnungen den künstlerischen Standort innerhalb der Geschichte der politischen Satire und Anklage anzuweisen. Man kann auf kunsthistorische Vergleiche natürlich nicht verzichten. Schon deswegen nicht, um zu zeigen, warum Leah Grundig als kämpferische Künstlerin eine einzigartige Erscheinung ist.
Die menschliche Bestialität und der Dämonenspuk der menschlichen Seele sind seit Jahrhunderten dargestellt worden. Die Beweggründe ihrer Darstellung sind aber grundsätzlich anderer Art als bei Leah Grundig. Das läßt sich an einigen Parallelen aufdecken.
Die Zeichnungen Leah Grundigs sind keine stilisierten Umschreibungen wie die Höllenphantasien des Hieronymus Bosch , der als Künstler noch einem neugotischen Manierismus verbunden ist, aber ideologisch schon dem Protestantismus zuneigt und den kirchlichen Höllenglauben parodiert. Sie sind auch nicht zu vergleichen mit den Kriegsgreuelzeichnungen des Callot oder Goya , obwohl ein Blatt wie ,, Das Ungeheuer" äußerlich an Goya erinnert. Callot zeichnet als Barockmensch die Leidenschaften um der Leidenschaften willen. Er benutzt die Schreckensszenen des Dreißigjährigen Krieges, um die barocke Vorliebe für Burleskes damit zu verbinden. Er sowohl wie Goya sind im Grunde ,, kalte" Sezierer. Die revolutionäre Kunst Goyas ist die Kunst eines Psychologen und grausamen Analytikers der menschlichen Natur. Wohl rebelliert der alte Goya gegen die Folterkammern der Inquisition , wohl entlarvt er die Kriegsgreuel, aber er ist zuerst Künstler mit allen überlegenen Feinheiten des Könners. Und er ist zuletzt tiefpessimistischer Mensch, der an einer unheilbaren Verachtung der menschlichen Bestie leidet und von der Unmöglichkeit ihrer Änderung überzeugt ist..
Die Sachlichkeit der Sezierung, die menschliche Kälte gegenüber dem Thema( bei aller Meisterschaft der Darstellung) verläßt auch nicht ganz die modernen Satiriker der bürgerlichen Gesellschaft und der kapitalistischen Klasse wie etwa Beckmann oder Groß. Käthe Kollwitz ist ausgenommen. Hier pulst zuerst eine einzigartige menschliche und zugleich weibliche Herzkraft. Ihre Aufgabe ist aber zeitlich eine andere als die der Leah Grundig. Zwischen ihren Themen und denen der Leah Grundig liegen gesellschaftliche Entwicklungen und Entscheidungen: die Entwicklung vom Sozialistengesetz des Bismarck- Reiches bis zu den totalen Vernichtungsmethoden des deutschen Imperialismus im Hitler- Reich. Die Darstellung dieser Methoden erfordert eine unmittelbare Einfachheit, eine Überzeugungs
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