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Im Tal des Todes : Zeichnungen / von Leah Grundig ; Einleitung und Text von Kurt Liebmann
Entstehung
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ten wir gleichzeitig Kunde von den Äußerungen Oskar Kokoschkas und Arnold Zweigs über Leah Grundigs Zeichnungen. Aus den Äußerungen Kokoschkas ersehen wir, daß die praktische Wirkung der Zeichnungen, nämlich die unmittelbare Hilfe für die gemarterten Juden, nicht eingetreten ist. Kokoschka fragt:., Warum hat der Westen die Augen geschlossen und den Greueln tatenlos zugesehen? Warum hat man die Ohren zugehalten und das Hilfeschreien überhört?- War nicht genug Platz in jenen Weltteilen, die von demo­kratischen Völkern bewohnt sind, um drei Millionen zum Tode Verurteilter eine Chance zu geben? Das jüdische Herz schlägt nicht mehr. Wer spricht nun für die Menschlichkeit?"

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Wir glauben, daß dieses Dokument der Leah Grundig, das hiermit zum erstenmal der deutschen Offentlichkeit übergeben wird, für die Menschlichkeit sprechen kann, weil es das Unmenschliche ungeschminkt, wahr, ohne ästhetisierende Rücksichtnahme auf ,, schwache Gemüter" wiedergibt und weil es aus tief sittlichen, wahrhaft humanistischen Motiven heraus entstanden ist.

Es könnte eingewendet werden, daß der Mensch, der im., Tal des Todes" gelebt hat und der Metzelei entronnen ist, für immer schweigen müßte, weil die Wirklichkeit viel furchtbarer war, als je ein Zeichenstift oder eine Feder wiedergeben könnte. Durch die visionäre und ethische Kraft ihrer Zeichnungen ist Leah Grundig aber vor dem Vorwurf bewahrt, daß sie sich einer Aufgabe unter­zogen hat, der sie sich eigentlich aus Ehrlichkeit nicht unterziehen durfte, da sie nicht unmittelbar Beteiligte war. Aber ihr brennendes Herz und ihr Wissen, welche Tragödie sich an den Juden vollzog, legten ihr neben ihrer künstlerischen Berufung die Verpflichtung auf, nicht zu schweigen.

Derselbe Hans Frank , der die zynische Bemerkung von der ,, Auswanderung" der Juden machte, stellte weiterhin fest: ,, Die Juden sind eine Rasse, die ausgetilgt werden muß. Wo immer wir einen erwischen, geht es mit ihm zu Ende." Und: ,, Daß wir 1,2 Million Juden zum Hungertod verurteilen, sei am Rande festgestellt."

Heute wissen wir, daß rund 6 Millionen Juden in den Todesfabriken der Nazis vernichtet wurden. 6 Millionen pulsende, fühlende Lebe­wesen. Davon 31/2 Millionen Ostjuden.

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