kraft, ein Mitbluten, Mitleiden und Mitkämpfen, wie es eben nur echtester, politischer Kunst möglich ist. Hier liegt auch der Unterschied zwischen sozialer Kunst, Kunst des sozialen Gefühls und der Kunst sozialistischer Aktivität und Entscheidung.
Wirken heute die Darstellungen der Sittenschilderer und Gesellschaftskritiker am Ende des 18. Jahrhunderts( Greuze in Frankreich , Hogarth in England), die einem sich auflösenden Feudalismus den Tugendspiegel vorhalten, nicht wie harmlose Idyllen? Auch die tiefste Phantasie der freiheitlichen Karikaturisten des 19. Jahrhunderts( allen voran Daumier ) verblassen vor den Tatsachen, denen sich eine politische Zeichnerin wie Leah Grundig heute gegenübergestellt sieht.
An Hand dieser Vergleiche wird die klassenkämpferische Entwicklung der Geschichte und ihrer Vernichtungsmittel lebendig. Der moderne Zeichner bedarf nicht mehr als wirksamsten Ausdrucksmittels( oder auch Mittels zur Tarnung) der Welt der Gespenster , Lemuren, Dämonen, Unholde mit Fledermausflügeln und Medusenhäupter. Um die Wirkungen einer diesseitigen Welt der Unmenschlichkeit, die eine dem Jenseits unterworfene mittelalterliche Welt ,, Hölle" nannte, darzustellen, hat die Künstlerin es nicht mehr nötig, in eine sogenannte übersinnliche, überdimensionale Welt zu flüchten, wie die Dämoniker und Phantasten es taten. Die Wirklichkeit ist dämonischer und phantastischer als alle übersinnlichen Phantasiereiche. Wir denken hier vor allem auch an die Kriegsbilder von Otto Dix . Das Dämonische und Bestialische innerhalb der Wirklichkeitssphäre haben die karikaturistischen und propagandistischen Zeichner der beiden letzten europäischen Kriege hervorragend zum Ausdruck gebracht. Man verwechsele aber Leah Grundigs Zeichnungen ja nicht mit propagandistischer und zugleich nationalistischer Kriegsmalerei, zu deren Wesen es gehört, eben propagandistisch tendenziös zu übertreiben. Die Zeichnungen Leah Grundigs sind wohl ausdrucksmäßig übersteigert, aber sie übertreiben nicht. Das festzustellen ist sehr wichtig. Und damit sind wir auf den Kern der Sache gestoßen, eben auf den menschlichen und politischen Gehalt der Kunst Leah Grundigs.
Fast zur gleichen Zeit, als der Kriegsverbrecher Hans Frank , der Generalgouverneur Polens , am 2. August 1943 beim Empfang der Redner der NSDAP im Königssaal des Krakauer Schlosses über das Schicksal der ausgerotteten polnischen Juden folgende zynische Bemerkung machte: ,, Hier haben wir mit 312 Millionen Juden begonnen, von ihnen sind nur noch wenige Arbeitskompanien vorhanden, alles andere ist- sagen wir einmal- ausgewandert", fast zur gleichen Zeit, es wird auch schon am Anfang der nazistischen Aktion
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