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Fern und ewig leuchtet Frieden : ein Erlebnis aus dem Zeitgeschehen nach Berichten sowie Aufzeichnungen eines zum Tode Verurteilten / dargestellt von Willo Wenger
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Unter- htung

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ZWISCHEN TOD UND LEBEN

läuft das Tagesprogramm der Gefangenen ab. Aber der Zustand der Unwirklichkeit beherrscht mich zwischen- durch derart vollständig, daß ich mir manchmal nicht klar bin, ob ich wirklich wache. So sehr mein heißer Wille zum Leben sich dagegen sträubt, ich muß mich mit der Frage der Endlichkeit des Lebens auseinandersetzen. Eine innere Stimme sagt mir, daß diese Frage mich nicht unvorbereitet treffen darf, wenn sie plötzlich an mich gestellt wird. Ich fühle den Schauer der Ewigkeit, und ich habe Gedankenpfade, auf denen ich mich langsam vorwärts taste so, als ob ich mit verbundenen Augen durch eine unbekannte Gegend gehen muß; Gedanken, welche mir vielleicht noch vor vierundzwanzig Stunden völlig fremd waren, von deren Bestehen ich nicht einmal etwas gewußt hatte. Manchmal spreche ich während der endlosen Stunden, die wir tagaus, tagein in dem GPU- Keller verbringen, mit meinem Zellennachbar darüber, vorsichtig, andeutungsweise, gleichsam wie durch einen Schleier, aber auch unter einem inneren Zwang.

Als ich am Morgen nach meiner Verurteilung zum Waschen geführt werde und ich wieder die stumme Welle von Anteilnahme und Kameradschaft spüre, die man mir von seiten der übrigen Gefängnisinsassen ent- gegenbringt- denn sie sind längst durch den geheimen Nachrichtendienst über alles informiert-, und während ich fast mechanisch eine Reihe von Fragen über meinen Prozeß und die Verhandlung beantworte, stelle ich fest, daß ich die anderen bereits zum Tode verurteilten Schicksalsgefährten mit ganz anderen Augen betrachte

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