über die die Sage gehe, daß sie den Marsch zur Feldherrn­ halle am 9. November 1923 als Krankenschwester mitgemacht habe und Adolf Hitler , welcher leicht verwundet worden sei, verbunden habe und Blutordensträgerin sei.

Diese Schwester Pia stand im Range eines SS.- Oberführers und paẞte trefflich in diesen Kreis. Es war eine häßliche, ält­liche Jungfer. Halt! Nein! Jungfer ist falsch. Diesem, ihrem unleidlichen Zustand haben saubere, kräftige Schutzhaftge­fangene abhelfen müssen, befehlsgemäß.

Wenn sie durch das Lager ging, geschah es häufig, daß die politischen Blocks beim Baden waren. Sie versäumte dann nicht, das Bad zu betreten, um sich über den körperlichen Zu­stand der Gefangenen zu orientieren, wie sie so schön sagte, weil sie dem Führer Bericht erstatten müsse. In Wirklichkeit geschah es, um sich einen neuen Bettgenossen zu suchen. Fand sie einen, der ihr gefiel, dann stellte sie seine Nummer fest, und am anderen Tage wurde er dem Kommando ,, Schwester Pia " zugeteilt. Dieses Kommando bestand stets aus vier Mann und den Neuen erwarteten fragwürdige Genüsse.

Pia fütterte den Neuen gut und wenn er willig war und ihren perversen Gelüsten Erleichterung schaffte, dann konnte es sein, daß er zwei Monate lang ihr Favorit war. Dann aber schaute sie sich nach etwas Abwechslung um. Wehe dem, der sich ihr verweigerte; sie ließ ihn abführen, er wurde in den Arrest gebracht und nie wieder gesehen. Es gab manch einen, Das war die Schwester Pia. der lieber sterben ging.

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So verging unser Leben in Dachau unter ständigen Qualen. Jeden Abend, wenn wir zu Bett gingen, geschah das mit dem Gedanken: wieder ein Tag ohne Strafmeldung.

Und wenn wir morgens um 3 Uhr unsere Blocks verließen, taten wir das in der quälenden Sorge, ob dieser Tag wohl auch ohne Strafmeldung zu Ende gehen werde.

Es war ein furchtbares Leben. Und trotz der Härte der Ar­beit, trotz der brutalen Behandlung, trotz des Hungers, den wir zu ertragen hatten, gab es Nächte, in denen wir, obwohl erschöpft, nicht zu schlafen vermochten. Wir lagen auf unse­ren Strohsäcken und dachten an Zuhause, wildes Heimweh im Herzen. Wir wußten nicht, was wir tun sollten, um endlich einmal wieder in den Kreis unserer Lieben zurückzukehren. Grau und trostlos lag die Zukunft vor uns, denn keiner von

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