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Die letzten Tage des Warschauer Gettos / Zivia Lubetkin
Entstehung
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nen aufzuspüren versuchen und mit ihnen zu­sammen einen Fluchtplan ausarbeiten. Ich erhielt Weisung, die Gruppe zu begleiten, mit dem Führer zu verhandeln und unsere Kundschafter zu ent­senden.

Die letzten Vorbereitungen wurden getroffen. Wir nahmen unsere Waffen und sagten unseren Freunden Lebewohl. Würden wir einander jemals wiedersehen?

Erst krochen wir einzeln auf dem Bauch aus dem Bunker heraus. Der Ausgang war eng und mit Steinen bedeckt. Die Debatte hatte unsere Aufmerk­samkeit so in Anspruch genommen, daß wir ganz vergessen hatten, daß es Nacht war. Aus irgend­einem Grunde hatten wir mit Tageslicht gerechnet. Nach Wochen der Dunkelheit hatten wir alle ein großes Verlangen nach Licht. Im Freien angelangt, tranken wir die frische Luft mit offenem Munde ein. Die draußen aufgestellte Wache flüsterte uns zu: ,, Von links her wird geschossen; rechts ist alles ruhig; dort könnt ihr gehen." Wir gingen in aller Stille weiter; unsere Füße waren mit Lumpen um­wickelt, um unsere Schritte unhörbar zu machen.

Trümmer, das Gerippe ausgebrannter Gebäude, Ruinen. Hin und wieder brach die schwelende Glut eines Hauses in helle Flammen aus. Es war seltsam; jedesmal, wenn wir aus unserer Höhle heraus­kamen, war es schwieriger, das Getto wieder­zuerkennen. Die Dinge änderten sich so schnell. Stille. Von Zeit zu Zeit wurde das Schweigen durch ein Fenster unterbrochen, das in seinen Angeln in

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