einem Weisen, der allein in der Gemeinschaft die Erfüllung gefunden habe. Kein Wunder, daß mit dieser Gesinnung auch jene Grundwerte der christlichen Religion, welche aus der Ehrfurcht vor dem Menschen gespeist sind, die Demut und die Liebe, verächtlich gemacht wurden. Wann immer ein Regime an die Stelle des Menschenwertes einen Ersatz stellt— zumeist in der Form des Versuches, den Menschen einem Kollektiv unterzuordnen—, ist die Gefahr der Tyrannei nahe; es besteht kein Staat ohne die tatsächliche, in der täglichen Praxis bekundete Achtung vor der menschlichen Persönlichkeit. Die Einschätzung des Menschen ist der Prüfstein, an dem wir die Weltanschau- ungen und die Staatssysteme zu messen haben. Wer die Persönlichkeit leugnet, treibt jener gottfernen Massen- tyrannei entgegen, die einen geschichtlichen Atemzug lang uns Deutsche geknechtet hat.
Welcher Entwertung des Menschen dieses System fähig gewesen ist, zeigt ein Erlebnis, das ich im Mai 1945 hatte:
Wir fuhren wenige Tage vor dem Zusammenbruch mit
den letzten Fahrzeugen unserer Kompanie von Jugosla- vien nach Kärnten und hatten eben den Loibl-Paß, der| nach Klagenfurt weist, zur Hälfte überwunden. Da zwang ein Halt der ersten Kolonne, kurz vor einem Tunnel, zu einer Fahrtpause. Im Tal dehnte sich ein verlassenes, stacheldrahtumzäuntes Lager. Vor dem Tunneleingang
warteten zwei Männer in SS-Uniform. Sie sahen so schmal und abgezehrt aus, daß wir aufmerksam wurden. Solche SS -Leute hatten wir noch nicht gesehen! Einer von uns fragte sie:„Woher kommt ihr? Was wollt ihr hier? In zwei Stunden können die Titotruppen da sein?“
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