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Memorial / Günther Weisenborn
Entstehung
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Der Hut ist vom Kopf geweht, und die Eidechsen sind grün und behend vor deinen Füßen. In den Weingärten singen weichkehlige Frauen. Es sind Lieder, die man nicht versteht, und von denen die Träumer träumen.

Ein Berg, auf dem eine Ruine steht, ragt mit dem Gipfel aus der Dämmerung dieses Tales heraus. Es sieht aus, als ob ein rotköpfiger Gigant in der Finsternis ertrinke, schon ist seine Stirn vom Abendrot blutig umspült. Dabei ist es nicht einmal eine mordende nördliche Finsternis, es ist eine weiche mittelländische Nacht voller flügelnder Fle­dermäuse und voll geheimnisvollen Palmengeraschels, voll lebenden Gesanges, und das Gras und das Laub zirpen unter dem Flügelschlag des Südwinds.

Aber diese nahen Laute werden klein unter der großen Stimme, die man tief unten heraufrollen hört. Es ist die Stimme die schon Hannibal damals hörte, dieselbe Stim­me, die Odysseus vernahm, die uralte beseelte Stimme der mittelländischen Brandung. Und aus der Brandung taucht die umriẞlose Ahnung eines Kaisers auf, jenes Ti­berius, der auf dieser Insel voller Wollust war, der dürr und fröstelnd unter den Palmen lag, voller Abgrund und voller Tod...

zur selben Zeit, als an der Küste drüben sein Beam­ter Pilatus eine aufsteigende Epoche vergeblich ans Kreuz zu nageln begann. Dies ist eine Brandung, alt von Blut und Geschichte, grau von Jahrtausenden, weißmähnig und voller Nerv. Sie blökt herauf wie eine unendliche Herde durstender Rinder. Sie ist unersättlich nach Schicksal. Sie wird noch nach Geschichte brüllen, wenn auch unsere

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