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trugen nun den halb ohnmächtigen Cordonnier voran. Zwei Kameraden nahmen ihn an den Beinen, wir zwei anderen hielten den Greis an den Schultern. Trotz der schneidenden Kälte drängte sich mir der Schweiß in die Poren. Vor Mattigkeit zitterte mein Körper. Mir wurde es schwarz vor den Augen auch ich lag am Boden und riß den armen Cordonnier mit. Die drei anderen fluchten, ließen uns zwei zurück und liefen davon. Blut floß mir von den Knien. Blut- befleckt waren auch meine Füße. Ich weinte vor Schmerz, mehr noch vor Wut. Ein paar Mithäftlinge des Freiblocks trugen Cordonnier zum Baderaum, während ich langsam nachwankte. Als ich ankam, lag Cordonnier wie eine Leiche auf einer Bank. Er redete etwas wirr, verlangte ein Tuch, um sich zudecken zu können. Nirgends war etwas zu finden. Ich setzte mich neben ihn, spendete Trost, obwohl mir selbst der Mut auf den Nullpunkt gesunken war. Die anderen Kame- raden spazierten lachend auf und ab. Keiner genierte sich mehr. Man gewöhnte sich an das Nacktsein. Nach drei Stunden kehrten wir zum Block zurück, die Jungen im Laufschritt, und wir Alten humpelten im Gänsemarsch nach. Cordonnier mußte heimgetragen werden. Zu un- serer Bestürzung erfuhren wir, daß wegen Mangel an Desinfektions- material unsere winterliche Promenade im Adamskostüm zwecklos gewesen war.

Am 24. Dezember 1942, am Vorabend des lieben Weihnachtsfestes, mußten wir nach dem Morgenappell, gegen sechs Uhr, abermals voll- ständig nackt antreten und zum Baderaum abmarschieren. Das Wetter war umgeschlagen. Es fiel halb Regen, halb Schnee. Diesmal hielten wir den Pfarrer Cordonnier zu zweien an den Armen und trotteten langsam dahin. Nach zweistündigem Warten erlebten wir eine himmel- schreiende Quälerei, die nicht mit Stillschweigen übergangen werden darf, muß doch die Mit- und Nachwelt erfahren, wie Adolf Hitler seine politischen Gegner abgrundtief moralisch zu erniedrigen suchte.

Ein aus Häftlingen zusammengesetztes Desinfektionskomitee saß vor uns. Einige SS -Leute spazierten gaffend, lachend und witzelnd auf und ab. Kommandoruf:Alle, einer hinter dem anderen, an- treten! Der Desinfektionshäuptling tauchte eine Spritze in einen mit scharfer Säure angefüllten Eimer. Erster Befehl an den Kameraden, der an der Spitze der langen Reihe stand:Arme hoch! Ein Druck

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