talent in die Waagschale, um ja haarscharfe Kanten zu bilden, ohne dabei die gerade Linie mit den Nachbarbetten aus dem Auge zu verlieren. Die zwei Bretter besorgten wieder das Glätten und die Kantenherstellung. Das nannten die Nazis ,, deutsche Ordnung"-ich nenne es ,, verrückte Schikane".- Das weiße Leintuch mußte noch an irgend einer Stelle kunstgerecht um die Decke eingeschlagen werden: ich habe aber den Blödsinn vergessen. Denn seit Frühjahr 1943 waren die Leintücher verschwunden, und man nahm es mit dem Bettenbauen nicht mehr so genau. Jedoch vor diesem Datum gehörte das Bettenbauen zu einer der schlimmsten Gefangenenquälereien. Vier Wochen lang habe ich theoretischen und praktischen Unterricht bekommen, brachte es aber nur auf ,, kaum genügend". Zigaretten ersetzten meinen Mangel an Kunstfertigkeit, sodaß ich mit dem Prädikat ,, prima" schließlich dieses dämlichste all meiner Examina glänzend bestand. Wie waren die armen Kameraden zu bedauern, denen solche Schmiermittel abgingen! Viermal quälte uns täglich eine stramme Revision der Bettenbauerei, der nicht wenige zitternd und mit klopfendem Herzen entgegensahen. Zuerst überschaute der Schlafraumcapo, dann der Stubenälteste, meist auch der Blockälteste und immer der gefürchtete SS- Blockführer den Schlafraum sehr genau. Wenn irgend etwas nicht klappte, flogen Kopfkeil, Leinwand und Decke auf den Boden. Ohrfeigen, Rippenstöße, Fuẞtritte sowie gröbste Schimpfereien wie ,, Rindvieh, du dämliches! Hornochs, du deppiger! Sauhammel, du eselhafter!" suchten die Kunst des Bettenbauens einzupeitschen. Zwei-, drei-, ja viermal mußte von vorne angefangen werden. Bei öfterem Rückfalle in die Fehler gegen das Bettenbauen erfolgte als Sühne 24 stündiger Kostentzug, 25 Hiebe und dergleichen mehr. Ein Kamerad wurde wegen mangelhaften Bettenbauens derart geschunden, daß er sich in selbstmörderischer Absicht gegen den elektrisch geladenen Draht stürzte. Seine Leiche hing den ganzen Tag über am Draht. Ähnliche grausame Kleinigkeitskrämereien waren mit der Spindordnung, dem Mantelfalten, dem Aufstellen des Eẞgeschirrs, dem Einstecken der Gabel und des Messers, dem Aufhängen des Hand- und Abwischtuches usw. verbunden. Auf dem Zugangsblock plagte und schindete uns das Erlernen der ,, deutschen Ordnung und Reinlichkeit" jeden Tag mindestens vier volle Stunden.
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