Stube Nr. 2. Warm drückte ich ihm die Hand. Als er die Albe über das Zebrakleid warf und die Stola des Diakons anlegte, konnte ich doch die Tränen nicht zurückhalten. ImGeiste sah ich mich im hohen Dome von Metz , wo ich am 17. Juli 1910 mit zwanzig anderen Diakonen die hi. Priesterweihe empfing. Damals brauste in der herrlichen Metzer Kathedrale unsere Orgel. Von den Türmen jubelten die Glocken. Im Dom knieten unsere Eltern, unsere Verwandten und Tausende frommer Gläubigen— und hier in Dachau nur die enge Stube einer Holzbaracke inmitten eines Straflagers, keine Festgewänder, keine Glocken, keine Orgel, kein einziger Verwandter aus der Heimat———.
Der Bischof legte die Pontifikalgewänder über sein Häftlingskleid. Ach, alles so armselig, und doch paßte es zu unserem Milieu. — Die Prozession bewegte sich zur nahen Kapelle. Alle Seminaristen, auch viele Laien, sowie die ehemaligen Capos des Diakons und Mithäftlinge seiner Kommandos durften der ergreifenden Zeremonie in der Kapelle beiwohnen. Wir anderen Priester blieben wegen Platzmangel draußen und folgten still der heiligen Handlung.
So ist einer von uns in Dachau Priester geworden. Am 26. De- zember 1944 hielt Karl Leistner seine feierliche Primiz. Da stand der Neugeweihte an dem größten Festtage seines Lebens am Altar, fern der Mutter, fern dem Vater, den Geschwistern und den Freunden. Er weinte, und wir weinten mit ihm. Diese Priesterweihe und diese Primiz stehen in ihrer Art einzig da in den Akten der Geschichte der Kirche.
Bei verschlossener Türe wurden in aller Stille einige Photo- aufnahmen von dieser Primizfeier in der Kapelle aufgenommen. So sahen die Eltern wenigstens im Bilde ihren Priestersohn am Primizaltar im K.Z. von Dachau . J
Der Neupriester KarlLeistner hat seine Heimat nie wieder gesehen. Er starb ein paar Wochen nach der Befreiung in einer Lungenheil-
Im Jahre 1936 wohnten im Dachauer Lager 500 Häftlinge. Damals duldeten die Nazis den öffentlichen Gottesdienst in einer kleinen Ka- pelle, die etwa 30 Mann faßte. Der Stadtpfarrer von Dachau hielt jeden Sonntag einen Gottesdienst. Bald wurde die Kapelle abgeschafft und jeder religiöse Kult blieb untersagt, selbst als Anfang 1940 die
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