Wie kann ich ihnen zu erklären wagen,/ Daß es noch Lächeln gab und Wohlbehagen/ Trotz Unheil, Elend, Drohung und Gefahr?"
Ein Gestrandeter, steh' ich da, wie jener an der Brückenbrüstung sitzt,- heimgekehrt und ohne Heimat. Sie sehen und beachten uns doch nicht, hören uns beide und hören uns doch nicht an. Mit ein bißchen Geld und ein wenig Beifall tun sie allzu leicht den Schlag ihres erwachenden Herzens ab. Gleich den Blinden erkenne ich, was wirklich ist, mit einem inneren Organ: dem untrüglichen Gespür für Echtheit, mag einer Prolet sein oder Pfarrer, Stadtrat oder Stiefelputzer. Auf die Echten haben wir's abgesehen, auf sie allein, da lohnt sich's noch- für den Leierkastenmann und mich: auf jene, die ein Herz haben, die nach der Wahrheit suchen, die bereit sind, für ein besseres Leben Aller das Feuer zu verlassen, über dem die Suppen des eigenen Vorteils kochen.
-
-
-
-
Ah, was bin ich für ein Moralist! Natürlich Moralist, was sonst? Ein Lyriker vielleicht? Auch das. Doch nicht zuerst. Denn ich empfinde zwar, aber mehr die Not als die Natur, mehr den Jammer als die Lust. Ich höre, nur sind's die Schwingen von Todesvögeln, die von Leichenhaufen kommen und über Elendsscharen flattern, nicht Nachtigall und fröhliches Gezirp. Ich horche, aber nicht auf verliebtes Flüstern hinter Busch und Strauch, sondern auf den fernen Schrei des Freiheitsadlers über länderweiten Straßen von Ruinen, durch die der Mensch in Not sich Wege zurück ins Licht erbuddelt. Ich forme Reime, nur kaum aus Freude, meist aus Zorn, und der entstellt sie manchmal, weil der Stachel in das Fleisch der Satten fahren muß, die sich nicht um Blut und Tränen scheren, ob vergangen, gegenwärtig oder künftig. Wie könnte ich Lyriker sein, da die Satire der Empörung über so viel Unrecht, das geschehen, und so viel Schmach, die weiterleben darf, mir Tag und Nacht den Reim auf diese Zeit diktiert?
-
-
Wozu das Ganze, blinder Leierkastenmann? Wozu? Weil ich glaube, Mann! Auch du glaubt's: daß es Milde, Güte, Einsicht in diesem unablässigen Haufen gibt, der über die Brücke zieht; der und jener bezahlt den Zoll des Herzens
93


