Druckschrift 
Jedem das Seine : satirische Gedichte / Karl Schnog ; Zeichnungen von Herbert Sandberg ; Nachwort: Eugen Kogon
Entstehung
Seite
92
Einzelbild herunterladen

Selbstgespräch eines satirischen Dichters auf der Brücke der Zeit

-

Da ziehen sie vorüber Dicke, Dünne, Abgehärmte und Verfressene, Kämpfer, Denker, Stillvergnügte, die Lärmen­den, die Geldschrankknacker, die Politiker, die Betenden, die Freudenmädchen und die Prediger, das Arbeitsvolk, die Schieber, die Hausfrauen, die Studenten, Richter, Polizei und Hochschullehrer, ein Leichenzug dazwischen, eine Besatzungslimousine, Filmschauspielerinnen, Journalisten, Nachtklubleute, Bauern, Geld- und Güterjäger, Menschen­fänger, Seelenmörder, Fahnen über ihnen, Losungen, Parteiparolen. Wer hat in diesem Zug wohin? noch das Herz am rechten Fleck? Wer springt, sofern er denkt und fühlt und einmal eine Hoffnung darauf hatte, daß es anders werden würde, endlich einmal von Grund auf anders, nicht aus Verzweiflung über das Geländer der Brücke dieser unserer Zeit? Wer wiederum hinterher, um die herauszuziehen, die es satt sind, und ihnen einen neuen Weg zu weisen? Wo ist der Platz, auf dem Vernunft, Besinnung sich noch vernehmen lassen können?

-

-

Ich Narr! Als ob es jemals einen wesentlichen Unter­schied in Zeiten gegeben hätte...

An der Ecke drüben sitzt ein Leierkastenmann. Der und jene werfen in den Hut des Blinden einen Groschen für den Fetzen Melodie, der eine Erinnerung weckt, und um sich loszukaufen von der Mahnung, die seine Gegenwart und seine Orgel in ihr Dasein leiern. Ich sollte ihm meine Satiren geben, damit sein Werkel auf neuen Platten läuft und jedes Lied vom Morgen bis zum Abend die Wahrheit in die Menge schreit: ,, Es ist so weit. Man war doch sehr geduldig. Die Weltgeschichte schreibt ein neues Blatt. Wie meinen Sie: Die Toten nur sind schuldig? Sie warten schon: Macht eure Rechnung glatt!" Würden sie nicht doch aufhorchen, wenn es aus dem Leierkasten über ihre Köpfe hinweg, als wär's ein Lied vom Liebchen, Klänge- immer gleich, immer so dahin, für einen Groschen: ,, Was soll ich meinen Enkeln einmal sagen,/ Wenn ich's erlebe und sie einmal fragen,/ Wie es in diesen wirren Zeiten war?/

92

92

-