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Totentanz / Bernhard Kellermann
Entstehung
Seite
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I

Stundenlang ging Fabian in seinem pompösen Arbeitsraum auf und ab. Das Vorzimmer war verödet. Zuweilen blieb er vor der großen Karte stehen, die nahezu seinen riesigen Schreibtisch völlig bedeckte, und vertiefte sich in die blauen und roten Kurven, die sich vom Eismeer bis zum Schwarzen Meer quer durch das ungeheure Rußland zogen. Seine Miene war nachdenklich, um nicht zu sagen besorgt.

Der Winter hatte ungeheure Verluste verursacht. Was sollte die Truppe tun? Kein Dach über dem Kopf, ohne warme Klei­dung, ohne feste Stiefel, ohne genügende Ernährung? Man hatte ja nur mit sechs Wochen Krieg gerechnet.

Sechs Wochen, Herr Oberst von Thünen! Moskau ? Peters­burg? Um Fabians Mundwinkel zuckte es. Selbst ein Oberst konnte sich irren und sogar ein General! sagte er sich.

Gestern sprach er in der, Kugel" einen älteren Stabsarzt, den sie wegen völliger Erschöpfung in Urlaub geschickt hatten. Es war ein Hüne von einem Mann, heute aber war er derartig ent­nervt, daß er kaum ein Weinglas halten konnte. Tag und Nacht, wochenlang, monatelang hatten sie da draußen amputiert, bis sie vor Übermüdung umsanken, ganze Kompanien, ganze Re­gimenter! Ein Heer von Einbeinigen gespensterte heute durch Deutschland , die Toten aber schwiegen.

Glücklicherweise hatte Clotilde den jungen Harry mit dicken Handschuhen, warmen Strümpfen und Wollsachen gut aus­gestattet, so daß man unbesorgt sein konnte. Er bettelte in allen Briefen für seine Kameraden und Soldaten, die die Kälte mehr fürchteten als den Tod.

Es war Zeit, daß der oberste Kriegsherr wiederum seine Stimme ertönen ließ, um den sinkenden Mut des Volkes neu zu ent­fachen. Er erklärte klipp und klar, daß das russische Heer ver­

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