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Totentanz / Bernhard Kellermann
Entstehung
Seite
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Zwei alte, steifgefrorene Juden mit langen, vereisten Bärten fielen ihnen entgegen, dem einen rollte der steife Hut vom kah­len Schädel. Gleich darauf aber stürzte sich ein Gespenst mit Glasaugen und mit schneeweißen Locken über sie, so daß sie ent­setzt zurückwichen. Das Gespenst trug in Decken gehüllt zwei schwarzlockige Mädchen auf den Armen, ebenfalls steifgefroren und mit Glasaugen. Es graute den Bahnarbeitern, aber es war Krieg, und sie hatten schon viel Entsetzliches gesehen. Immer Mut! Sie räumten die Erfrorenen, die kein Ende nahmen, aus dem Viehwagen und legten sie nebeneinander, wie sie ihnen in die Hände kamen, in den Schnee. Zählen wollten sie sie später. Eingewickelt in Mäntel und Tücher, waren viele so zusammen­gerollt, daß sie wie Bündel dalagen, besonders die Frauen. Einer, der fromm war, drückte ihnen die Augen zu.

Als sie in einer Ecke eine ältere Frau aufhoben, die den ganzen Kopf voller eisgrauer Löckchen hatte, gewahrten sie ein hüb­sches, junges Mädchen in einem wertvollen Pelzmantel, der ihnen sofort in die Augen stach.

,, Ein schönes Mädchen! Wie kommt die Italienerin hierher?" fragten sie. Aber in dem Augenblick, da sie das Mädchen zu den andern in den Schnee legen wollten, seufzte Marion und schlug langsam die schwarzen Augen auf.

,, Sie lebt ja noch!" riefen sie erstaunt, und zwei Männer trugen Marion zu einem nahen Wärterhaus. Der nächste Transport konnte sie ja mitnehmen.

Hier in der warmen Stube des Wärterhauses kam Marion all­mählich wieder zu sich. Eine alte, rundliche Frau gab ihr heiße Milch, in die sie Brot einweichte.

,, Was in aller Welt haben Sie denn verbrochen, liebes Fräu­leinchen?" fragte die Alte und weinte.

,, Ich weiß es nicht", flüsterte Marion, die kaum die Lippen be­wegen konnte.

Am Abend hatte sie sich schon so weit erholt, daß sie nach­denken konnte. Die Alte gab ihr auf ihre Bitte ein Stück Papier und einen Bleistift, und sie schrieb langsam und voller Mühe ein paar Worte für ihren Vater nieder. ,, Sorge Dich nicht, es geht uns beiden gut", schrieb sie. ,, Du erhältst bald einen langen Brief."

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