Druckschrift 
Totentanz / Bernhard Kellermann
Entstehung
Seite
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XII

Noch verstört und betäubt verließ Marion dieBurg . Sie war noch immer wie erstarrt über. die verblüffende Naivität und Primitivität, mit der Rumpf die Welt und das Leben und auch sie betrachtete.

Von derBurg bis zur Einfahrt war ein breiter Weg gekehrt. Am Eingang wartete in einem heftigen Schneetreiben Rittmeister Möhn mit dem! Wagen. Der Wind blies noch immer sehr heftig, daß sie nur mühsam vorwärtskamen, einmal fuhren sie in einer Schneewehe fest, an anderen Stellen war die Straße wie rein- gefegt.

»Westwind! rief Rittmeister Möhn erfreut.Endlich scheint die entsetzliche Kälte gebrochen zu sein.

Welch ein schwerer Winter! sagte Marion.

Ein geradezu furchtbarer Winter. Es ist ganz unausdenkbar, was unsere Truppe in Rußland gelitten haben muß!

Vor dem Hause fuhren sie wieder in einer Schneewehe fest, und Marion versank mehrmals tief im Schnee, ehe sie die Ein- gangstüre erreichte. Möhn beleuchtete mit einer elektrischen Taschenlampe ihren Weg.

Ich bin da, vielen Dank! rief Marion zurück, und ihre Stimme klang fröhlich und heiter. Dann aber war es mit ihrer Kraft zu Ende.

Sie verbrachte eine schlaflose Nacht und versäumte zum erstenmal am Morgen ihre Schule. Eine Art von Schüttelfrost hatte sie befallen.

Das ist die Strafe! sagte Mamuschka.Du mußtest diese Verruchten meiden! Sonst sagte sie nichts.

Das wußte Marion selbst, sie hatte eine schwere Schuld auf sich geladen. Am Vormittag raffte sie sich auf und besuchte Christa, um sich Rat bei ihr zu holen. Christa staunte genau wie sie über die unsagbare Naivität und Primitivität Rumpfs, aber sie konnte ihr keinen vernünftigen Rat geben. Niemand konnte es, denn niemand kannte ihre schwere Schuld.

Es gab nur eine Möglichkeit, sie zu retten, und diese einzige - Möglichkeit war ihr aus tausend Gründen verschlossen.

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