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Totentanz / Bernhard Kellermann
Entstehung
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dachten. Aus den einigen Tagen aber wurden Monate, da Christa einen wahren Abscheu davor hatte, in die Stadt zurückzukehren. Erst als der Krieg mit Polen ausbrach, packten sie ihre Koffer und fuhren ohne Aufenthalt nach Hause.

,, Haben Sie Nachrichten vom Professor, Retta?" fragte Frau Beate, als die Bäuerin mit dem Kaffee zurück ins Zimmer kam.

,, Nur sehr wenige", erwiderte Retta, während sie den Kaffee eingoẞ. Wenn sie leise sprach, klang ihre Stimme heiser und war kaum zu verstehen, sprach sie laut, so kreischte sie. Sie war gegen siebzig Jahre alt. Der Professor ist noch immer in Birkholz, und es sieht noch gar nicht so aus, als ob er bald zu­rückkäme."

,, Aber zuweilen erhalten Sie Nachricht? Schreibt er denn?" ,, Ach, du mein Gott!" kreischte die alte Bäuerin. ,, Schreiben können sie da nicht, es ist schlimmer als im Zuchthaus. Aber manchmal schleicht sich einer zu mir heraus, der aus Birkholz kommt. Zuerst mußte der Professor wie ein Knecht im Stein­bruch schuften, das war eine harte Arbeit, die viele nicht aus­halten, aber der Professor ist ja ein starker, gesunder Mann. Sie müssen da die schweren Blöcke einen Abhang hinaufschleppen, das hat schon vielen das Leben gekostet. Birkholz ist die reinste Hölle, sagen sie. Anfangs wurde er jeden Tag geschlagen, weil er den Hitlergruß nicht sprechen wollte."

,, Geschlagen?" rief Christa entsetzt aus.

Retta nickte. ,, Sie prügeln in Birkholz Tag und Nacht und haben schon viele totgeschlagen", schrie sie. ,, Aber der Professor sprach den Hitlergruß nicht, ich weiß ja, wie er ist. Sollen sie mich totschlagen, sagte er. Dann war er lange Zeit bei den Stein­metzen beschäftigt, wo sie zwölf Stunden lang die Quadern zu­richten müssen. Jetzt aber soll es ihm besser gehen, hat mir einer vorige Woche erzählt. Er muß die Frau des Kommandanten modellieren", schloß Retta ihren Bericht.

,, Und sein Bruder, der Rechtsanwalt? Tut er denn nichts?" fragte Frau Beate. ,, Er ist doch jetzt ein großes Tier geworden." Retta schlürfte ihren Kaffee. Ja, nickte sie ,,, bei seinem Bruder war ich natürlich auch, gleich nachdem sie ihn mit­nahmen., Sehen Sie zu', sagte ich zu ihm,, Sie sind doch sein

Institut für neuere deutsche Literatur

Justus- Liebig- Universität

Otto- Behaghel- Str. 10, 6300 Giessen

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