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Clotildes politischer Salon, neuerdings ,, Bund der Freunde" genannt, stand in voller Blüte. Die Vorträge, die nun in jeder Woche stattfanden, wurden im ,, Beobachter" angekündigt und waren immer vorzüglich besucht. Seit Baronin von Thünen viele Damen der von ihr geleiteten ,, Frauenschaft " mitbrachte, war der Salon häufig schon überfüllt. Nun war es nicht mehr nötig, daß Oberleutnant von Thünen mit seinen Kameraden erschien, im Gegenteil, sie konnten wegbleiben, Clotilde vermiẞte sie nicht. Die Herren Offiziere waren ohne jene Begeisterungsfähigkeit, die eine so große Sache erforderte. Sie kamen doch nur, um ein paar Gläschen Kümmel oder Chartreuse zu trinken, und seit sie nur Tee nach dem Vortrag servieren ließ, blieben sie ganz weg. Nur rein militärische Vorträge interessierten sie, und sie mußte zugeben, daß Oberst von Thünen mit seinem Vortrag ,, Die Helden von Douaumont" einen großen Erfolg gehabt hatte. Ausgesprochen politische Themen dagegen schienen die jungen Offiziere ziemlich gleichgültig zu lassen, und gerade um die politische Schulung war es Clotilde zu tun.
Als der Vortrag des bekannten Professors Mönnich von der Universität Königsberg stattfinden sollte, beschloß Clotilde, ihre lächerliche Bescheidenheit", wie sie sagte, endlich aufzugeben und ,, aufs Ganze" zu gehen. Was sie mit dem ,, Ganzen" meinte, sagte sie nicht. Der Vortrag von Professor Mönnich aber bot den würdigen Anlaß dazu. Professor Mönnich, eine Leuchte der Partei, sprach über„ Alarmsignale in Polen ". Er hatte den gleichen Vortrag schon in einer Reihe großer Städte gehalten und damit überall ungeheures Aufsehen erregt. Ja, fort mit der unsinnigen Bescheidenheit!
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Wir waren bis heute ein Kaffeekränzchen, meine Liebste!" sagte sie zur Baronin von Thünen. ,, Fortan wollen wir ein
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