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Totentanz / Bernhard Kellermann
Entstehung
Seite
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Tasse.Nun kennen Sie auch die Ursache meiner heutigen schweren Depression. Wollen Sie mir bitte noch ein Glas Sekt eingießen? Danke! Sie leerte den Kelch Sekt bis zur Neige, dann fuhr sie fort:Alexander wußte, wie ich geliebt werden will. Er allein wußte es. Er liebte mich wie ein Hund! Denn sehen Sie, wenn man eine Frau wahrhaft liebt, so muß man sie wie ein Hund lieben, nicht anders, treu und bedingungslos. Da ich nicht häßlich bin, hat man mich von Jugend an geliebt und verehrt. Geliebt und verehrt, haha, was heißt das, geliebt und verehrt? Es ist das alletleichteste, es ist gar keine Kunst. Ich aber will angebetet werden, gepriesen, angedichtet, verherrlicht, vergöttert! Alexander wußte es, und so liebte er mich, ohne zu fragen, bedingungslos wie ein Hund.

Charlotte ging auf und ab, nippte zuweilen an ihrem Glas oder streifte die Asche ihrer Zigarette ab. Sie sagte, daß sie im Laufe der Jahre von einer entsetzlichen Leidenschaft, geliebt zu wer- den, erfaßt wurde, einer wahren Sucht, und daß sie unglück- lich sei, wenn diese Leidenschaft nicht gestillt werde.

Fabian hörte ihr zu, die Blicke ohne Unterbrechung auf sie gerichtet. Er sah ihr schönes Gesicht durch den Schein der Lampe gleiten, zuweilen heller, zuweilen gedämpfter, und er wußte nicht, wann es schöner war. Ihre Stirn, ihre Schläfen bezauberten ihn, und immer entdeckte er neue Schönheiten. Nie hatte er solch ein Ohr gesehen, es war wie aus einer blassen Koralle geschnitten. Niemals hatte er empfunden, daß der Mensch so sehr einer Pflanze ähnlich sein konnte. Sie erschien ihm wie eine seltene, schöne Blume, die sich bewegte.

Charlotte war ins Reden gekommen und sprach fast ohne Pause. Fabian versuchte es nicht, sie zu unterbrechen.

Der Gauleiter Rumpf, sagte Charlotte,versteht die Frauen nicht, nein, nein! Er ist herrisch und gewalttätig, oft gut- mütig, aber sehr oft herzlos, verstehen Sie? Völlig herzlos! Er behandelt die Frauen wie Puppen. Komme hierher, setze dich, stehe auf, ich bitte dich pünktlich zu sein. Komme meinet- wegen schlecht frisiert, wenn die Friseuse nicht rechtzeitig fertig wird, aber komme pünktlich. Ein Mann, der fordert, daß eine Frau pünktlich erscheint, selbst wenn sie schlecht frisiert ist, ver-

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