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schlau:
In jedem Jahr kam der Gauleiter einige Wochen nach Ein-
stetten, einmal blieb er sogar zwei Monate, aber immer reiste er
so unvermutet ab, wie er angekommen war. Diesmal aber sollte der Aufenthalt längere Zeit dauern, Jahre vielleicht. Der Gau- leiter hatte seine Geschäftsräume im bischöflichen Palais ein- gerichtet, er speiste im„Stern“ oder in der„Burg “. Die Hundert- schaft von Soldaten war im Palais untergebracht, eine starke Wachtmannschaft lag in Einstetten. Mit der Schar der Reit- pferde war Rittmeister Möhn eingetroffen, der bisher das Gestüt in Ostpreußen leitete, es wimmelte von Offizieren, Sekretären, ein besonderes Postbüro wurde in einer der kleinen Villen ein- gerichtet. Empfänge, Picknicks, Diners und Soupers folgten einander, Schmausereien, Zechgelage, völlige Orgien. Das ging wochenlang so. Zuweilen veranstaltete Rumpf auch größere Einladungen im„Stern“, und auf einem großen Bankett befand sich auch Fabian unter den geladenen Gästen.
Er fühlte sich sehr geehrt und erblickte in der Einladung ein Anzeichen dafür, daß er fortan zur tonangebenden Gesell- schaft gehöre. Rumpf beachtete ihn aber kaum, er war aber schon mit seinem derben Händedruck zufrieden. Nach dem Diner trank er eine Flasche Wein zusammen mit dem langen Vogelsberger und dem untersetzten schwarzen Grafen Dosse, mit dem er sich vorzüglich über französische Malerei unter- hielt. Er hätte dem kleinen Grafen solch erstaunliche Kenntnisse nicht zugetraut.
Am nächsten Tag durchblätterte er die Zeitungen, ob man auch den Regierungsrat Fabian nicht vergessen hatte? Nein, man hatte ihn nicht vergessen.
Plötzlich aber änderte sich alles in Einstetten. Der Gauleiter schwieg, er machte keine Witze mehr bei Tisch, trank still seinen Rotwein, die gedrückte Stirn gerunzelt, und seine dunkelblauen Augen waren hart wie Kugeln aus Glas. Täglich führte er einige Telefongespräche mit München , er knirschte zuweilen sogar mit den Zähnen. Es war sehr ungemütlich in seiner Nähe und die Adjutanten gingen ihm aus dem Wege.
Unvermutet reiste er mitten in der Nacht nach München ab. Er blieb eine ganze Woche fort und niemand hörte ein Wort
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