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Totentanz / Bernhard Kellermann
Entstehung
Seite
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die Straßenkehrer waren mit Besen und Schläuchen schon bei der Arbeit und räumten Berge von Kohlblättern zur Seite.

Wieder blieb Fabian einige Augenblicke am Narzißbrunnen stehen. Schade, dachte er, indem er weiterging, daß Wolfgang so geringen Ehrgeiz besitzt. Man hatte ihm vor einem Jahr eine Professur in Berlin angeboten, aber er hatte es vorgezogen hier- zubleiben, wo er eine Lehrstelle an der recht unbedeutenden Kunstschule bekleidete. Er hatte eine förmliche Angst vor Berlin und befürchtete, Berlin würde ihn zu stark in seiner künstle- rischen Produktion hemmen. Schade, schade! Wie weit könnte er heute schon sein!

Sein Bruder Wolfgang lebte in Jakobsbühl, einem alten Dorf, eine halbe Stunde von der Stadt entfernt. Dort hatte er sich von dem Erlös des Narzißbrunnens ein altes Bauernhaus gekauft, das inmitten eines Obstgartens lag. Nach Jakobsbühl führte eine Straßenbahn, aber das schöne Herbstwetter verlockte Fabian zu Fuß zu gehen.

Er durchquerte den Norden der Stadt, wo zumeist Arbeiter wohnten und kam an den ausgedehnten, modernen Werken Schellhammer vorbei, die gegen fünftausend Arbeiter beschäftig- ten. Sie hatten im wesentlichen den Wohlstand der Stadt be- gründet. Etwas später gelangte er aufs offene Land und in die alte Pappelallee, die nach Jakobsbühl führte.

In den letzten Jahren waren einige Villen und Landhäuser, sehr zu Wolfgangs Verdruß, in dem uralten Dorf erbaut worden, sonst aber lag das Dorf noch wie vor hundert Jahren da. Auch Wolfgangs Bauernhaus hatte kaum sein ländliches Aussehen ver- ändert, und noch immer sprudelte der Brunnen mit dem primi- tiven Holztrog vor seiner Gartentür neben einem schmalen Beet altmodischer violetter Bauernastern.

Als Fabian die kleine hölzerne Gartentür neben dem plät- schernden Brunnen öffnete, nickte ihm die Wirtschafterin Wolf- gangs, eine alte Bäuerin, aus dem niedrigen Küchenfenster zu. Durch eine kleine Diele gelangte er in Wolfgangs geräumigen Arbeitsraum, der so sehr mit Zigarrenrauch erfüllt war, daß er anfangs nichts unterscheiden konnte. Dann sah er bei dem hohen Atelierfenster, das in die Giebelwand des früheren Bauernhauses

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