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Goethe in Dachau : Literatur und Wirklichkeit / Nico Rost ; aus dem Holländischen übersetzt von Edith Rost-Blumberg
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Ein Deutscher von der Lagerpolizei schrie: ,, Wer noch lebt, soll sich melden!" Nur ein paar Arme hoben sich. Einige der noch Lebenden waren zu schwach, um zu reagieren: sie lagen da, starrten müde und resigniert vor sich hin und beachteten gar nicht, was um sie herum vorging. Einer lehnte sich gegen die Leiche eines Freundes, hatte ihn mit seinem Arm um­schlungen, begriff nicht, daß der bereits tot war.

Einige unserer Pfleger versorgten die Kranken so gut wie möglich; wir verteilten die restliche Breikost und steckten den Halbverhungerten kleine Stückchen Zucker in den Mund viel mehr haben wir ja selber nicht.

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Zwölf von ihnen habe ich gefragt, woher sie kommen- alle zwölf konnten keine Antwort mehr geben- sie waren schon tot. Der dreizehnte, ein Junge von kaum zwanzig Jahren, dem ich Wasser brachte, antwortete: ,, Aus Buchenwald . Wir waren zweitausendvierhundert Mann, als wir evakuiert wurden." Wie viele davon sind überhaupt bis Dachau gekommen? Die Russen von der Desinfektion, die als Leichenträger fun­gierten, sagten, daß sie hier bereits über achthundert Tote weg­geschafft hätten!

Niemals war der Anblick des gräßlichen Appellplatzes entsetz­licher, aber niemals war auch die Solidarität der Häftlinge größer. Selbst die Küchenpolen ,, organisieren" Essen für die Neuankömmlinge.

5 Uhr

Je ein Vertrauensmann der Holländer, Franzosen und Belgier wurden zu Ruppert gerufen. Was will Ruppert von ihnen? Was führt er im Schilde? Wenn sie nur schon wieder zurück wären, denn Ruppert ist jetzt mehr denn je- zu allem fähig.

6 Uhr

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Van L. braucht nicht zu ,, sterben"- die Gestapobeamten, die die Akten der NN- Häftlinge bearbeiten, sind bereits gestern früh abgezogen- ließ mir Fritz soeben bestellen.

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