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Goethe in Dachau : Literatur und Wirklichkeit / Nico Rost ; aus dem Holländischen übersetzt von Edith Rost-Blumberg
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schwulst in der Achselhöhle. Ich erinnerte mich auch an ein Gespräch mit ihm, vor einigen Wochen. N. hatte für die Kran­ken Cello gespielt und wollte sein Instrument gerade wieder einpacken, als der Junge ihn bat, doch etwas von Tschaikowski zu spielen.

Northenius tat es.

Der junge Russe dankte ihm überschwenglich, und wir unter­hielten uns dann noch ziemlich lange mit ihm, wobei es sich herausstellte, daß er nicht nur die russische, sondern auch die moderne französische Musik sehr gut kannte. Obwohl er wie so viele Russen in Dachau - aus einer Zwangserziehungs­anstalt kam, die auch er übrigens gegen alle und jeden ver­teidigte.

Er lag bereits auf der Tragbahre, da bat er den Pfleger, sein kärgliches Hab und Gut, nämlich ein in den Messerschmitt­Werkstätten selbstangefertigtes Taschenmesser, seinen Riemen und ein Stückchen Brot an zwei seiner Landsleute zu ver­teilen, die ein paar Betten weiter lagen. Er wußte genau, was ihm bevorstand.

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Als sie ihn dann aus dem Zimmer trugen, machte er mit sei­ner Hand eine bezeichnende Bewegung um seinen Hals... und dann, bereits an der Tür, drehte er sich noch einmal nach den anderen Kranken um und rief ihnen zu: ,, Es lebe die Sowjet­union !"

Ich stand am Ausgang und drückte ihm fest die Hand. Ein zufriedenes Lächeln spielte um seinen Mund und seine Augen glänzten voller Stolz darüber, daß er nun noch einmal laut und unmiẞverständlich erklärt hatte, daß ihm das Vaterland in seinem Leben- von dem er wußte, daß es in einer Stunde abgelaufen sein würde mehr gewesen war als irgend etwas anderes auf der Welt.

Abends

Es sind noch weitere drei Russen geholt worden und ein Pole. Seit der Mittagsruhe bereits sechsmal Luftalarm! Immer neue, immer mehr ,, Parolen".

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