Auch die Leiche von R., einem katholischen Studenten der alten Sprachen, mit dem ich schon in Vught zusammen gewesen bin und der heute an Lungenentzündung und völliger Erschöpfung gestorben ist. Hier lag er nun, mager wie ein Gerippe, mit einer großen Phlegmone, und seine Beine waren so dünn wie Kinderärmchen. Gut, daß seine Mutter ihn so nicht sehen konnte.
Chris lag ganz hinten, einer der letzten. Sein Gesicht hatte einen so reinen, vergeistigten Ausdruck, der mir in dieser Umgebung ganz besonders auffiel. Er erinnerte mich an Houdons Voltaire- Kopf, obwohl Chris Voltaire doch zu Lebzeiten gar nicht ähnlich gesehen hat. Über seine Brust lief eine Laus; ich habe sie weggewischt.
Will den Polen aus der Totenkammer bitten, auch von Chris eine Totenmaske anzufertigen.
3. April
Gestern abend, bevor ich einschlief, noch lange an Chris gedacht.
Seinen Dünenlandschaften, die er vor nun mehr als fünfundzwanzig Jahren bei d'Audretsth ausstellte, galt damals meine große Liebe. Später habe ich eigentlich niemals viel von seinem Werk gesehen, aber Freunde erzählten mir oft von dem, was er schuf, und hin und wieder sah ich auch Reproduktionen. Er war so vielseitig, doch ohne dabei jemals dilettantisch zu werden: ein echter Künstler bis in die Fingerspitzen. Wie oft hat er als wir in den ersten vierzehn Tagen in Da chau zusammen im Quarantäneblock lagen und jeden Tag mit van Hall und van Zweden stundenlang debattierten- wie oft hat er damals auf Holland geschimpft, und was war er in seiner eigensinnigen Starrköpfigkeit doch für ein echter Holländer. Viel mehr, als er selbst je vermutete. Auch in seinem Anarchismus sogar!
Unsere politischen Ansichten waren zwar sehr verschieden, aber er kämpfte gemeinsam mit uns, und sein jugendlicher
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