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Goethe in Dachau : Literatur und Wirklichkeit / Nico Rost ; aus dem Holländischen übersetzt von Edith Rost-Blumberg
Entstehung
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Suire ist ebenfalls nachts noch zweimal aufgestanden, um ihm etwas gegen die Schmerzen zu geben.

Auch er konnte ihm nicht mehr helfen.

Abends

Suire und ich folgten Bernards Leiche bis zur Totenkammer. Etwas anderes konnten wir ja nicht mehr für ihn tun!-

27. März

Als ich heute morgen, nachdem ich mit der Totenliste alle Ba­racken abgelaufen hatte, wieder in unsere Stube zurückkam, rief mich jemand aus einem Oberbett an, ein neuer, ein etwa fünfzigjähriger Ungar: ,, Bitte, ein bissel Suppe, Herr Dok­tor!" bettelte er.

Ich ging zu ihm. Er bat nochmals um Suppe und fügte noch, bevor ich etwas sagen konnte, hastig hinzu: ,, Sie können spä­ter alles von mir haben, bei mir in Budapest wohnen und essen und trinken; Sie dürfen auch mit meinen Töchtern schla­fen siebzehn und neunzehn Jahre. Schöne Mädchen...", und er machte, wobei er sich aufsetzte, eine Geste mit seiner zitternden, mageren Hand, als ob er eine junge Brust nach­zeichnete.

-

Ich wollte ihm gerade antworten, und zwar selbstverständlich nicht sehr freundlich, als mich Bilek von der Schreibstube rief. Ich sollte eine neue Totenliste von Block 30 holen.

Abends

Als ich vor einer Stunde wieder in unsere Stube zurückkam, rief mich der Ungar abermals: ,, Herr Doktor, Herr Doktor, wollen Sie denn meine Töchter nicht?"

Ich habe ihm Suppe geholt und ihm dann

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übrigens ziem­

lich unsanft klargemacht, daß er sich nicht so gehen lassen darf, sich nicht so erniedrigen...

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