Ein Zynismus, der wohl etwas Großartiges hat, aber hinter dem ich keine unterdrückte Tragik spüre, kein Gefühl echten Ergriffenseins über all das tiefmenschliche Elend. Bei Stendhal dagegen lese ich das aus jeder seiner Seiten, obgleich viele auch ihn einen Zyniker nennen, weil er sich während des tragischen Rückzuges von Moskau im Jahre 1812- trotz aller Leiden und Entbehrungen jeden Tag( wie er uns selbst berichtet) sorgfältig rasierte.
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Abends
Bei Dr. Krediet gewesen.
Er war bewußtlos, lag auf dem Rücken und atmete schwer. Marseause, der französische Arzt von 7, pflegt ihn aufopfernd, als ob es sich um seinen eigenen Sohn handele.
18. Februar
Habe heute früh auf der Ohrenstation lange mit zwei dänischen Ärzten gesprochen, zwei Brüdern. Sie sind erst vor kurzem verhaftet worden und sehen daher so aus- wie wir einmal vor langer, langer Zeit ausgesehen haben... Sie sind auch noch nicht hart und zynisch geworden, sind noch viel empfänglicher für all das menschliche Elend hier um uns herum.
Es wird gut sein, häufig mit ihnen zu sprechen, um festzustellen, wie wir selbst früher- bevor wir hier landeten auf all das reagiert haben und wie wichtig und notwendig es ist, sich dieses reine Gefühl trotz allem zu erhalten. Auch im Norden, erzählten sie, ist der Widerstand stark. Aber sie brachten mir auch eine traurige Neuigkeit mit: Nardahl Grieg, mein norwegischer Freund, wurde über Berlin abgeschossen.
Ein wirklicher Heldentod für einen revolutionären Dichter: bei einem Luftangriff auf die Zitadelle des Faschismus zu fallen!
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